Tagebuch von Abhaya Niranjana, Wielsbeke, Belgien17.2

Mittwoch, den 09. Oktober 2013


Heute habe ich dem In Flanders Fields Museum einen Besuch abgestattet. Ich war schrecklich neugierig, wie es nach seiner Umgestaltung aussehen würde und muss zugeben, dass ich nicht enttäuscht war. Wie grauenvoll das Thema auch ist und wie tragisch die meisten Geschichten auch sein mögen: Die Form, in der die Geschichte des Ersten Weltkriegs erzählt wird – die gesamte Geschichte wohlgemerkt – hat mich beeindruckt.
Mit den vier persönlichen Geschichten sieht man zudem alles aus einem neuen Blickwinkel. Unter anderem verfolgte ich die Geschichte des tauben Mädchens Marie Desaegher aus Boezinge. Am 22. April 1915, dem Tag des ersten Gasangriffs, hatten sich Marie und ihre jüngere Schwester Emma nach Ypern zu einer anstehenden Typhusimpfung begeben. Bei ihrer Rückkehr war das gesamte Gebiet um ihre Wohnung in heller Aufregung. Marie verstand das alles nicht und geriet zwischen die deutschen Truppen. Sie wurde schwer verwundet. Den Rest des Krieges verbrachte sie auf deutscher Seite ohne Kontakt zu ihrer Familie.
Ein Aufstieg auf den Belfortturm ist in jedem Fall zu empfehlen, auch wenn dies etwas anstrengend ist. Bei diesem schönen Wetter konnte ich den gesamten Frontabschnitt gut einsehen. Diesen zu besuchen, steht bei mir am morgigen Tag auf dem Programm. Das In Flanders Fields Museum hatte ich früher schon besucht, mehrmals sogar. Doch nun möchte ich auch die Gegend rings um Ypern kennen lernen, mit ihren Friedhöfen und Gedenkstätten… Wie konnte es in diesem friedlichen Winkel Europas jemals so weit kommen?

Donnerstag, den 10. Oktober 2013Hinna 11.1

Normalerweise halte ich nicht viel von der Pracht und dem Prunk von Denkmälern und Gedenkstätten. Doch ich muss zugeben, dass mich die Art und Weise, in der in dieser Gegend mit dem Gedenken an die Opfer des Krieges umgegangen wird, nicht unberührt lässt. Die grünen Rabatten und weißen Grabsteine in der Landschaft, dem Pool of peace, die zahlreichen Zeugnisse der Hinterbliebenen in den Büchern, die auf jedem Friedhof zu finden sind...
Heute bin ich mit einem britischen Pärchen ins Gespräch gekommen. Sie erzählten mir von ihrer Reise durch die Flanders Fields. Dies war sehr ergreifend, auch wenn sie kein Familienmitglied haben, das hier seine letzte Ruhe fand. Doch ihr Ansinnen ist es, die Gräber von Menschen aus ihrem Heimatort zu ehren, die hier zu Tode kamen. Dies sind Geschichten, die mein Vertrauen in die Menschheit wieder stärken.
Vielleicht sollte ich es Ihnen gleich tun und die Jungen und Männer aus meinem Geburtsort suchen, die hier gefallen sind. Eventuell könnten die Mitarbeiter des In Flanders Fields Museums und des Begegnungszentrums dabei behilflich sein. Denn es bleibt ein surrealistisches Bild… zwischen all den britisch und europäisch klingenden Namen plötzlich einen indischen Namen zu erkennen. Dann würde ich die gesamte Geschichte hinter einem Namen herausfinden. Während ich zwischen den Gräbern umherwandele, lasse ich meine Gedanken abschweifen und versuche mir vorzustellen, wie sie sich gefühlt haben müssen. Auf der anderen Seite der Welt, weit weg von ihrer Familie, nicht wissend, ob sie ihre Lieben noch einmal wiedersehen werden… Der Gedanke scheint mir unerträglich.

Freitag, 11. Oktober 2013

Hinna 8.1

Am gestrigen Abend habe ich noch einmal den Last Post besucht. Immer wieder berührt mich diese tägliche Ehrenbezeugung unter dem Menenpoort bis ins tiefste meines Herzens. Die einfache Zeremonie an sich, die Mischung zwischen Jung und Alt, Belgiern, Briten und weiteren Nationalitäten, Ex-Soldaten und jungen Leuten, die niemals ihren Militärdienst antreten müssen, zufälligen Passanten und Menschen mit einer Mission… Der Verkehr, der dann gestoppt wird, die maßvolle Stille, die Ehrenbezeugung und dann: Das Leben, das wieder in Gang kommt.
Nach der Zeremonie bleibe ich immer noch eine Weile am Menenpoort. Ich lasse meinen Blick über die Namen schweifen und bete in Gedanken für die Seelenruhe der Opfer. Ich hoffe, dass wir so etwas nie wieder erleben müssen und manchmal denke ich, dass ein so großer, weltumspannender Konflikt heutzutage nicht mehr möglich ist. Wenn ich jedoch die Zeitungen lese, frage ich mich trotzdem, ob wir uns eine derartige Sorglosigkeit erlauben können.

Meer info via: info@vanwalleghem.be

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