Gespräche mit Jack Sturiano, Ypern, BelgienJack 11.2

Es ist nun fast sechs Jahre her, dass ich New York den Rücken kehrte und mich hier in Ypern niederließ. Unter anderem kam ich aufgrund des Museums hierher. Ich war am Ersten Weltkrieg interessiert und wollte alles darüber wissen. Nach meiner Pensionierung als Gerichtsmediziner stand mir der Sinn danach, nach Europa zu kommen und die Flanders Fields aufzusuchen. So bin ich den Mitarbeitern des Museums begegnet. Hier gibt es eine gute Bibliothek und es war mir vergönnt, zahlreiche Werke zu lesen, um die Ereignisse besser verstehen zu können. An den Kampfeshandlungen bin ich dabei weniger interessiert, wohl aber an der Poesie, u.a. von Siegfried Sassoon.
Oftmals werde ich gefragt, wie mich der Erste Weltkrieg als Amerikaner derart fesseln konnte. Als Vietnam-Veteran habe ich einen Krieg aus nächster Nähe erlebt und die Menschen glauben, dass es in den 1960erJahren in Nordamerika nur Hippies gab. Ich war alles andere als ein Hippie. Nicht wirklich ein guter Schüler, ging ich als 17jähriger zur Navy. Das war im April 1965, also zu Beginn des Vietnamkrieges. Wie jeder, der damals beim Militär diente, war auch mir bewusst, dass ich nach Vietnam abkommandiert werden würde. Und so geschah es auch: Von August 1968 bis Ende Juni 1969 war ich im Südosten Asiens eingesetzt. Der Krieg hat unser Land zerrissen und wir haben uns bis heute nicht davon erholt. Als junger Mann zog ich in den Krieg – ohne zu wissen, warum! Sobald man zurückgekehrt ist, wird einem bewusst, warum man einst aufgebrochen ist. Nach dem Vietnam-Krieg habe ich über Jahre hinweg alles über den Krieg gelesen, um mir darüber bewusst zu werden, wie es so weit kommen konnte. Und ich musste feststellen, dass alles eigentlich mit dem Ersten Weltkrieg begann.
So stieß ich also auf die Poesie von Sassoon und wer so etwas erlebt hat wie ich, fühlt sich dadurch angesprochen. In Vietnam gab es so gut wie keine Poesie und somit ist es überraschend, heute feststellen zu können, dass der Erste Weltkrieg voller Poesie war. Allein in Großbritannien erschienen während des Krieges zwischen 100.000 und 200.000 Gedichte in den dortigen Zeitungen. Viele dieser jungen Männer waren die erste gebildete Generation.. Sie konnten lesen und schreiben und die Poesie bildete einen Teil ihres Lebens.


***Jack 9.1


Alles, was Sassoon im und über den Ersten Weltkrieg schrieb, empfanden wir auch in Vietnam. Seine Aussagen über Leben und Tod und über die verfluchte Armee... Es war kein Zuckerschlecken. Vieles war gleich: Als ich die Schützengräben rings um Ypern sah, musste ich an unsere Zeit in Vietnam zurückdenken. Gegessen wurde aus der Dose, man konnte sich nicht waschen, das Ungeziefer, die Hitze und die Insekten setzten einem zu... und dazu die Menschen, die einen töten wollten. Genau diesen Bedingungen waren die Beteiligten in den Sommermonaten auch hier ausgesetzt, glaube ich.
Erstmals kam ich im Jahr 1988 im Rahmen einer “Battle Tour” nach Ypern. Ich kannte die Stadt somit schon und als ich das Rentenalter erreichte, war ich Mitglied der Great War Society in Amerika. Im Jahr 2004 wurden anlässlich des 90. Jahrestags des Kriegsbeginns zahlreiche Seminare abgehalten. Bei einem dieser Seminare über die Gasangriffe begegnete ich Mitarbeitern des Museums. Und so fasste ich den Entschluss, mich hier niederzulassen. Ich plane auch nicht, wieder zurückzukehren. Die europäische Lebensart liegt mir und ich fühle mich nun auch als Europäer.
Hier wurde ich auch Mitglied der In Flanders Fields Friends. Ich arbeitete auf ehrenamtlicher Basis und da ich weder niederländisch noch französisch sprach, begann ich mit der Übertragung britischer Kriegstagebücher. Anschließend habe ich mit dem Scannen von Luftaufnahmen begonnen und aufgrund meiner militärischen Kenntnisse reinige ich auch die Waffen für das Museum.


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Ich bin von Natur aus neugierig. Und was mir in Ypern, in Belgien und in diesem Museum besonders gut gefällt: Ich habe viel mehr über den Krieg erfahren, als ich das irgendwo in den Vereinigten Staaten hätte tun können. Einerseits wurde mir dies dadurch ermöglicht, dass ich die Sprache erlernte, andererseits, indem ich dort lebe, wo sich alles abgespielt hat. Alles ist hier anders. Es gibt andere Vogelarten, andere Baumarten und so weiter. Ich lerne somit jeden Tag etwas dazu und dies hält mich mental fit. Wenn ich irgendein reizvolles Städtchen oder Dorf in Frankreich besuche, dann ist das Moos auf der Kirche älter als die USA selbst! Die Kultur hat hier ein unglaubliches Niveau. Für jemanden, der neugierig ist, ist dies ein fantastischer Ort.Jack 1.1

Jeder, der dieses Museum betritt, sieht den Krieg und vergisst den Frieden. Der Besucher wird die Uniformen und die Waffen betrachten. Doch all diese jungen Leute, die gekämpft haben, und alle Überlebenden hatten Sehnsucht nach Frieden. Dieser Traum wurde wahr, auch wenn es nicht sehr lange gedauert hat. Es ist schade, dies feststellen zu müssen, doch wenn Menschen ein Museum verlassen, denken sie nicht zwingend daran, ‘nun den Frieden ehren zu müssen’. Doch wenn wir sie – die Opfer und die Überlebenden – wirklich ehren wollen, dann darf dies nie mehr geschehen. Und wenn genügend Menschen das gleiche denken, dann wird es auch nie wieder geschehen. Den Besuchern möchte ich folgendes mit auf den Weg geben: ‘Die Männer standen Todesängste aus, denn sie wollten Frieden. Und sie kämpften, bis es vorbei war. Sie hatten letzten Endes ihren Frieden und konnten damit leben. Und das müssen auch wir tun.’ Dies ist auch der Grund, warum ich hier lebe: Amerika ist im Krieg. In Belgien herrscht Frieden und ich will Frieden.


Meer info via: info@vanwalleghem.be

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