Tagebuch von Julien Guivarch, Rennes, FrankreichAaron 12.2

Freitag, 23. August 2013


Ich bin heute im Westhoek eingetroffen, einer Region an der Grenze zwischen Frankreich und Belgien. Ich wollte diese Region besuchen, nachdem wir im Haus meiner Großeltern aufgeräumt hatten. Ich fand unter anderem Briefe, die der Großvater meiner Mutter an meine Urgroßmutter geschrieben hatte, als er im Ersten Weltkrieg an den Gefechten rings um den Kemmelberg beteiligt war. Dies ist ein Teil unserer Familiengeschichte, der mir völlig unbekannt war. Auch über diese Region und somit diesen Teil der Geschichte unseres Vaterlandes wusste ich nichts. Die Briefe haben mich angeregt, diese Gegend kennen zu lernen. Es ist hier nun so ruhig und man kann sich kaum vorstellen, dass hier vor 100 Jahren ein solcher Krieg gewütet hat. Doch die Spuren dieses Krieges sind allgegenwärtig. Man kann hier keine 5 Kilometer durch das Land fahren, ohne einen Friedhof oder ein Kriegsdenkmal zu sehen.
Heute Nachmittag habe ich den Kemmelberg und den Ossuaire besucht. Dies muss während des Krieges ein strategischer Ort gewesen sein. Den Krieg betrachte ich als das Grauen schlechthin, muss jedoch zugeben, dass mich die Kriegsstrategie fesselt. Wie sind die Gefechte verlaufen? Wie konnte dieser Krieg so lange andauern? Ich bin an allen Details interessiert ... um verstehen zu können. Ich möchte verstehen, wie so viele junge Landsleute rings um den Kemmelberg den Tod finden konnten. Warum ist die Frontlinie in dieser Region zum Stehen gekommen? Vielleicht finde ich morgen oder übermorgen Antworten auf meine Fragen.

Samstag, 24. August 2013Aaron 23.1


Saint-Charles de Potyze. Davon habe ich noch nie gehört. Es ist der größte französische Militärfriedhof in Flandern. Hierher zu kommen bedeutet, sich darüber bewusst zu werden, dass man in jedem Land nur einen Teil der Geschichte lehrt. Unsere Geschichtsbücher lehren uns nur den Teil, der “uns selbst betrifft”. Wir betrachten die Geschichte nur vom Standpunkt unseres eigenen Landes aus. Es würde zum Konflikt kommen, wenn die Geschichte des Ersten Weltkriegs nur ein oder zwei und nicht unzählige Seiten hätte. Ich wundere mich über die große Anzahl an Friedhöfen und Denkmälern in dieser Gegend, denn ich hatte keinen blassen Schimmer davon, dass diese Region in Belgien und im Norden Frankreichs derart vom Krieg gezeichnet war.
Gestern und heute bin ich rings um Ypern unterwegs gewesen und bin dem sogenannten Salient gefolgt. Vom Friedhof zum Denkmal, vom Bunker zum Schützengraben… Ich finde es unglaublich spannend, hier umherzugehen und versuche mir vorzustellen, was mein Großvater gefühlt haben muss, als er hier war. Und was müssen all die jungen Soldaten aus den überseeischen Gebieten und den Kolonien hier gefühlt haben? Es ist schwer zu glauben, dass junge Männer, die genauso alt sind wie ich, aus der ganzen Welt hier hergekommen sind, um unsere Freiheit zu verteidigen. Und obwohl ich eine gewisse Erregung und einen Sinn für Abenteuer spüre, frage ich mich ernsthaft und besorgt, ob wir heute das Gleiche tun würden.

Sonntag, den 25. August 2013

Aaron 3.1

Mein Besuch im Westhoek geht zu Ende. Heute stand die Stadt Ypern auf dem Programm. Zunächst besuchte ich das Menenpoort und ging die Stadtwälle entlang. Alles scheint heute friedlich und ruhig. Am Nachmittag bin ich im In Flanders Fields Museum gewesen. Die meisten Besucher werden es sicher umgekehrt tun und somit erst das Museum besuchen und dann die Gegend kennen lernen. In jedem Fall bildete das Museum einen interessanten Abschluss für mich.
Alles, was ich hier sah und erfuhr, war für mich neu. Und die Form, in der es präsentiert wird, ist wirklich großartig. Vor allem die Luftaufnahmen fand ich unglaublich beeindruckend. Eine Art Google Earth. Mit meinem persönlichen Poppy-Armband konnte ich unter anderem die Geschichte des französischen Sanitäters Basile Cailleau verfolgen. Das Regiment von Frère Basile war während der Schlacht am Kemmelberg in der Nähe von Dranouter eingesetzt. Basile wurde schwer verwundet nach Poperinge abtransportiert. Er verstarb am 26. April 1918.
Ich habe auch den Belfort erklommen und konnte nochmals das ursprüngliche Ziel meiner Reise sehen - den Kemmelberg. Nun sitze ich in einem Straßencafé und lasse den Tag ausklingen. Noch einmal kehre ich zurück zum Menenpoort zum Last Post. Morgen fahre ich zurück in die Bretagne und berichte meinen Brüdern und Eltern über das Schlachtfeld, auf dem unser Urgroßvater gekämpft hat.

Meer info via: info@vanwalleghem.be

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