Tagebuch Rosie Fisher, Hull, England

Montag, 3. Juni 2013

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Nach meiner Ankunft am Bahnhof Lille Europe habe ich den Zug nach Kortrijk genommen, wo ich noch einmal nach Ypern umsteigen musste. Obwohl noch nicht wirklich Frühling ist, spielt das Wetter gut mit. Die Sonne liefert sich einen dauerhaften Kampf mit den Wolken und versucht uns etwas Wärme zu schenken. Nach 10 Minuten Fußweg konnte ich in meinem Hotel einchecken. Eine gemütliche Pension in der historischen Altstadt. Es ist für mich ein besonderes Gefühl, hier herumspazieren zu können. Die hübschen Fassaden, das typische Kopfsteinpflaster, die zahlreichen Geschäfte ... und dies im Wissen, dass hier vor 100 Jahren noch Ruinen standen. Bis zum Erdboden bombardiert, verbrannt und in Stücke geschossen durch die Kriegsgewalt. Und während ich in dieser wiederaufgebauten Stadt umhergehe, stelle ich mir die Frage, wie die Stadt einst ausgesehen haben muss. Haben mein Urgroßvater und seine Mitstreiter die Stadt je gesehen? Oder wurden sie direkt an die Front geschickt?

Wieder gehe ich in die Stadt. Ich möchte in keinem Fall den Last Post um 20 Uhr verpassen. Darüber habe ich vieles gelesen und gehört und es scheint eine sehr ergreifende Zeremonie zu sein. Ich bin allerdings nicht die einzige Britin hier, denn ich habe auf meinem Weg vom Bahnhof zum Hotel schon die verschiedensten englischen Akzente gehört. Vielleicht kann ich versuchen, einige Landsleute kennen zu lernen. Wir werden sehen.

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Dienstag 4. Juni 2013

Ich habe meine Erkundungstour durch die Gegend, in der mein Urgroßvater gekämpft hat, im In Flanders Fields Museum begonnen – ein Besuch, der mich sehr ergriffen hat. Und dies sowohl aufgrund der tragischen Geschichte selbst als auch durch den immensen Aufwand, der dafür notwendig war, um die persönlichen Geschichten zu erzählen. Bei meiner Ankunft wurde mir ein Poppy-Armband überreicht. Damit konnte ich während meines Besuchs vier Geschichten verfolgen. Die Geschichte von Nellie Spindler, einer Krankenschwester aus Wakefield, hat mich sehr betroffen. Nellie war von einer einschlagenden Granate schwer verwundet worden. Diesen Verwundungen erlag sie eine halbe Stunde später und fand als einzige Frau auf dem Lijssenthoek Military Cemetery in Poperinge zwischen Tausenden von Männern ihre letzte Ruhe.

Auch die Aussicht auf den Belfried war äußerst beeindruckend. Sie vermittelt ein wenig den Eindruck, man schaue auf den ‘Ground Zero’ des Ersten Weltkriegs. Schon etwas außer Atem versuchte ich, die verschiedenen Wahrzeichen in der Landschaft zu erkennen. Dies waren also die Schlachtfelder, in dem die Jungen und Männer – einige sogar noch jünger als ich - gegeneinander kämpften. Es ist ziemlich surrealistisch: Ich bin meinem Urgroßvater und seinen Leidensgenossen dankbar, dass sie ihr Leben gaben... doch wofür eigentlich? Für eine freiere Welt? Warum begann aber 20 Jahre später alles von vorn?

Je länger ich hier bleibe, umso mehr Fragen werfen sich für mich auf. Morgen besuche ich das Bedford House, also den Friedhof, auf dem mein Urgroßvater seine letzte Ruhe fand, und somit das eigentliche Ziel meiner Reise.

Mittwoch, 5. Juni 2013

Elien 7.1

Ich sitze inzwischen wieder im Eurostar in Richtung London. Während ich ein paar hundert Meter unter dem Meeresspiegel durch den Tunnel des Ärmelkanals hindurchfahre, quälen mich die Gedanken an die Felder Flanderns. Heute habe ich am Grab von Harry Fisher gestanden. Es machte mich stolz, doch auch sehr demütig, als erster Sprössling der Familie Fisher am Grab meines Urgroßvaters gestanden zu haben. Als ich dort stand, gingen unzählig viele Emotionen durch meinen Kopf. Ich war ergriffen, da ich meinen Urgroßvater nie persönlich kennen gelernt habe. Die Gedanken waren mir zuwider, denn wie kann der Tod so vieler junger Menschen jemals verantwortet werden? Ich stand zudem unter dem Eindruck der bizarren Ästhetik der Tausenden und Abertausenden weißen Grabsteine im Westhoek. Wie kann ein Krieg, oder zumindest dessen Spuren, auch so fotogen sein?

Es ist für mich auch schwer zu verstehen, dass dieser Ort, an dem an diesem Nachmittag eine fast unwirkliche Stille herrschte, vor 100 Jahren ein blutiges Schlachtfeld war. Eine Hölle auf Erden. Und obwohl ich die Tagebücher von Harry Fisher schon oft gelesen habe, kann ich mir noch immer nicht genau vorstellen, was er gedacht und gefühlt haben muss. Haben sie damals wirklich verstanden, an was sie sich da beteiligten? Junge Kerle, die ihr Vaterland noch nie verlassen hatten, standen plötzlich kniehoch im Schlamm, um gegen Gleichaltrige zu kämpfen... Ich verstehe es noch immer nicht. Doch mein Besuch am Bedford House Cemetery hat mich etwas beruhigt. Ich fühlte, dass ich dazu verpflichtet war – als Ehrenbezeugung an den Vater des Vaters meines Vaters. Ruhe sanft, Harry Fisher!

Meer info via: info@vanwalleghem.be

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