• Europa um die Jahrhundertwende

    Um die Jahrhundertwende erlebte Europa eine Periode des explosiven Wachstums.

    Die Industrialisierung nahm zu. Eisenbahnlinien und Dampfschiffe vereinfachten den Transport. Städte platzten aus allen Nähten. Zum ersten Mal flogen Menschen in Apparaturen, die schwerer waren als Luft, und fuhren in Fahrzeugen ohne Pferde. Sport machte die Menschen fitter und gesünder. Alle neuen Einsichten und Erfindungen führten zu einem euphorischen Fortschrittsglauben. Aber gleichzeitig tauchte die Furcht auf, dass die Kräfte des Maschinenzeitalters ausschweifen und sich gegen den Menschen richten konnten.

    In der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg waren alle Zutaten für einen Rüstungswettlauf vorhanden: neue Technologien und Materialien für eine schwerere Rüstung, kapitalkräftige Industriekonzerne, imperialistische Regierungschefs und eine Bevölkerungszunahme, die die Ausdehnung der Heere ermöglichte.

    1914 standen die europäischen Kaiser und Könige am Höhepunkt ihrer Macht. Innerhalb ihrer eigenen Landesgrenzen hielten sie häufig Bevölkerungsgruppen verschiedener Nationalitäten unter Kontrolle. Außerhalb Europas übten sie ihre Kolonialmacht über zahlreiche fremde Völker aus. Ihre überseeischen Reiche brachten Briten, Franzosen, Deutschen, Belgiern, Niederländern, Portugiesen und Italienern Wohlstand und Macht. Die Machtposition wurde jedoch von verschiedenen Seiten bedroht. Ethnische Minderheiten traten für ihre Rechte ein: die Iren im Vereinigten Königreich, die Bosnier in Österreich-Ungarn ...

    Menschen wurden stolz auf ihr Volk, ihre Sprache, ihre Kultur und lehnten sich gegen ihre fremden Herrscher auf. Nationalistische Gefühle wurden in allen Tonarten geäußert und besungen.

  • Bündnisse

    In der Zeit rund um die Jahrhundertwende war Europa Schauplatz eines komplizierten Machtspiels. Die Großmächte schoben wie meisterliche Schachspieler Bündnisse, Verträge und Allianzen hin und her. Dabei half es, dass viele regierende Königshäuser untereinander verwandt waren. So war der britische König gleichzeitig mit dem deutschen Kaiser und dem russischen Zar verwandt.

    Schlussendlich standen einander zwei große Machtblöcke gegenüber: die Mittelmächte (Das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn) und die Triple Entente (Vereinigtes Königreich, Russland und Frankreich). Dies waren militärische Kooperationsverträge. Wenn zwei der sechs Länder in einen Kampf verwickelt wurden, wurden die anderen vier automatisch daran beteiligt. Durch diese Allianzen war ab 1907 der Kern für einen großen Krieg vorhanden einen Weltkrieg.

    Neben den zwei großen Bündnissen hatten die Großmächte links und rechts auch noch Verträge mit kleineren Ländern abgeschlossen. So wurde Serbien von Russland unterstützt. Eine gefährliche Situation, denn Serbien war ein Feind von Österreich-Ungarn. Ein Konflikt zwischen Serbien und der Doppelmonarchie könnte also Russland mitziehen und damit den Rest Europas. Die Zeitbombe tickte.

    Die Welt außerhalb Europas spielte 1914 noch nicht mit. Afrika und Asien waren nahezu vollständig von europäischen Staaten kolonialisiert. Die Vereinigten Staaten hielten sich vorläufig aus den nachbarschaftlichen Streitigkeiten auf dem alten Kontinent heraus. Erst 1917 schlossen sie sich dem Krieg an.

  • Die Großmächte

    Bündnisse kamen nicht zufällig zustande. Hinter den Papierallianzen verbargen sich langfristige Konflikte und gegensätzliche Interessen. Die größte Bedrohung für das Gleichgewicht in Europa war der Aufmarsch des Deutschen Reiches. Das Deutsche Reich war 1914 ein junger Staat. Jahrhundertelang war es ein Flickenteppich unabhängiger Königreiche, Herzogtümer und kleinerer Gebiete. Erst am Ende des 19. Jahrhunderts kam unter der Leitung von Preußen die deutsche Einigung zustande. 1871, nach einem vernichtenden Sieg über Frankreich, wurde das Deutsche Reich ausgerufen. Der neue Staat erlebte nicht nur eine enorme Bevölkerungszunahme, sondern auch in wirtschaftlicher Hinsicht lief alles ausgezeichnet. In politischer, militärischer und kolonialer Hinsicht spielte es jedoch weiterhin eine zweitrangige Rolle. Zumindest so dachten die Deutschen selbst darüber. Unter Kaiser Wilhelm II, der für seine Arroganz bekannt war, musste sich dies ändern. Deutschland würde für seinen Platz unter der Sonne kämpfen. Die anderen Großmächte fühlten sich durch den Aufstieg Deutschlands bedroht. Frankreich befürchtete, völlig in den Schatten gestellt zu werden. Es hatte weniger Einwohner - 39 Millionen Franzosen im Vergleich zu 65 Millionen Deutschen - und auch die französische Wirtschaft war weniger stark. Frankreich hatte jedoch seine Kolonien in Afrika und Asien. Das Land hegte auch noch starke Rachegefühle wegen der Niederlage im Jahr 1870. Der Verlust von Elsass-Lothringen wurde niemals verarbeitet. Rund um die Jahrhundertwende war Großbritannien auf dem Höhepunkt seiner Leistungsfähigkeit. Das britische Reich regierte über große Teile der Erde. Die Basis dieser Vorherrschaft lag in der britischen Herrschaft auf See. Die Briten berechneten, dass ihre Flotte mindestens genauso groß sein musste wie die zweit- und drittgrößte Flotte zusammen. Als die Deutschen ihre eigene Flotte ausbauten, fühlten sich die Briten direkt bedroht. 

  • Nationalismus

    Eine zweite Gefahr neben der deutschen Machtausdehnung war der Nationalismus. Völker wollten einen eigenen Staat, Staaten wollten sich ausdehnen.

    Vor allem für Österreich-Ungarn, dem deutschen Bündnispartner in Mitteleuropa und am Balkan, war der Nationalismus eine Gefahr. Die Doppelmonarchie verfügte nämlich über nicht weniger als zwölf verschiedene ethnische Gruppen. Darüber hinaus ließen junge Nachbarländer wie Serbien und Rumänien ein begehrliches Auge auf Teile des Vielvölkerstaates fallen.

  • Konfliktherde

    Das Machtspiel der Großmächte hatte Europa auch vor 1914 bereits einige Male an den Rand eines Krieges gebracht. 1908 hatte Österreich-Ungarn zum großen Zorn von Russland und Serbien Bosnien-Herzegowina annektiert. 1911 wurde Deutschland in einen Streit mit Frankreich und Großbritannien über Marokko verwickelt. 1912 und 1913 wüteten der Erste und der Zweite Balkankrieg. Die Türkei verlor beinahe alle ihre europäischen Gebiete, aber die Großmächte schritten noch nicht ein.

    Doch sollte im Sommer 1914 ein Weltkrieg ausbrechen. Der Funke wurde am Balkan gezündet, dem 'Pulverfass Europas'. Ein Zwischenfall in Sarajevo sorgte dafür, dass das zerbrechliche europäische Gleichgewicht der Mächte wie ein Kartenhaus einstürzte.

  • Ypern als mittelalterliche Stadt

    Der Ruf und Wohlstand von Ypern erreichte im Mittelalter seinen Höhepunkt. Mit Tuche aus Ypern, Ypres (der französische und englische Name) oder Ieper (Niederländisch) wurde bis nach Russland gehandelt. Der englische Dichter Geoffrey Chaucer verweist in seinen berühmten Canterbury Tales auf das fachmännische Können der Weber aus 'Ipres and Gaunt' (Ypern und Gent).

    Das Gebäude der Tuchhallen, für seine Zeit eine erstaunliche Konstruktion, wurde zwischen 1260 und 1304 errichtet und diente gleichzeitig als Markt- und Lagerplatz für Wolle und Tuch. Die Stadt hatte damals einen betriebsamen Hafen und der größte Teil der Wolle wurde per Schiff antransportiert. Schiffe kamen über die Ieperlee (jetzt ein überwölbter Fluss) in die Stadt und legten neben den Tuchhallen an. Es war einfacher, Waren über das Wasser zu transportieren als über Land. Die flämischen Polder wurden nämlich vom Meer erobert und waren noch immer sehr sumpfig.

    Einige Zeit teilten sich Ypern, Gent und Brügge die Kontrolle über die Region. 1383, während des Hundertjährigen Krieges, wurde Ypern jedoch zwei Monate lang von einem englischen Heer besetzt, unterstützt durch Truppen aus Gent. Die rund 20.000 Einwohner hielten stand, aber die Stadt wurde von der lebenswichtigen Zufuhr von englischer Wolle abgeschnitten. Der Handel erlitt einen nicht wieder gutzumachenden Schaden.

    Ypern ähnelt noch immer dem florierenden mittelalterlichen Handelszentrum, das es einst war. Aber kein einziges Gebäude in der Stadt stammt aus der Zeit vor 1918. Ypern wurde im Ersten Weltkrieg so gravierend zerstört, dass ein Reiter quer durch die Stadt blicken konnte. Kaum einige Wochen nach dem Waffenstillstand kamen die Menschen zurück und versuchten, die Stadt wieder bewohnbar zu machen. Die Kathedrale war 1930 fertig und der Belfried der Tuchhallen wurde 1934 originalgetreu rekonstruiert. Der Wiederaufbau der Tuchhallen selbst wurde erst 1967 vollendet.

  • Ypern vor dem Ersten Weltkrieg

    Vor 1914 war Ypern eine wohlhabende Provinzstadt mit einer ruhmreichen Vergangenheit. Mit seiner Reitschule und Infanteriekaserne war es eine Garnisonsstadt. Dank der Anwesenheit vieler Offiziere konnte eine nicht zu vernachlässigende Gruppe an Einwohnern von Ypern ein komfortables und selbst ziemlich mondänes Leben führen. Der Rest der Einwohner lebte von der Produktion von Bändern, Spitzenarbeiten, Baumwolle und Seife. Die Stadt zog Touristen an, die vor allem die Tuchhallen besuchen wollten, das größte nicht religiöse gotische Bauwerk in ganz Europa und ein Monument, das Jahrhunderte periodischer Belagerungen und Kriege überlebt hatte.

    Für den Rest gab es in Ypern vor 1914 wenig zu erleben. Der Aufsehen erregender Titel in der Lokalzeitung 'Ein tödlicher Schlag gegen einige Gastwirte' bezog sich auf die vorgeschlagene Abschaffung von zwei Urlaubstagen in der Karnevalszeit. Im Hinblick auf die dringlichste nationale Frage, die Heeresreform von 1913, welche die allgemeine Dienstpflicht einführte, schienen sich die katholischen Honoratioren mehr Sorgen über den eventuellen schädlichen Einfluss des Kasernenlebens auf ihre aufwachsenden Söhne als über die Verteidigung des Vaterlandes zu machen.
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  • Der Ypernbogen

    Warum wurde der Name Ypern - oder 'Wipers', wie die britischen Soldaten das französische 'Ypres' aussprachen - im Ersten Weltkrieg so berühmt ? Und was war der "Ypres Salient" oder zu deutsch der "Ypernbogen"? 'Saillant' ist ein militärischer Begriff aus dem Französischen. Es ist ein Stück Land, das so weit in die feindliche Linie hineinragt, dass der Feind quer durchschießen kann. Für die Verteidiger war es ein Ort, an dem einen die Kugel sowohl von vorne als auch von hinten und von der Seite treffen konnte.

    Die Front bei Ypern bildete einen solchen "Saillant", eine halbrunde Ausstülpung Richtung Osten, die abwechselnd abnahm und sich ausdehnte, als sich die nahezu ununterbrochenen Kämpfe zu einer großen Feldschlacht entwickelten, was dreimal passiert ist. Dass die Front schon von Anfang an diese eigenartige Form hatte, kam dadurch, dass sie mit den Hügeln bei Ypern zusammenfiel, die von Klerken im Norden aus ungefähr einen Halbkreis rund um die Stadt bilden, über Passendale, Geluveld und Wijtschate bis in Mesen im Süden. (Der Hügelkamm rund um Ypern ist übrigens nicht mit dem Hügelland im Südwesten von Ypern zu verwechseln, das mit einiger Übertreibung westflämische Berge genannt wird).

    Von der Stadt aus sind die Hügel nicht sichtbar. Aber auf den 'Gipfeln', die übrigens niemals höher als 85 Meter sind, sieht man an klaren Tagen sofort ihre strategische Bedeutung. Unten liegt Ypern: ein wehrloses Ziel, genauso wie die Infanterie, die die Stadt von den Schützengräben des Salient verteidigte, und die Artillerie etwas weiter. Anfänglich gab es noch Bäume und Gebäude, um Truppen und Geschütze zu verbergen, aber bis Ende 1917 war kein Haus und kein Baum mehr heil.

  • Die Heere

    Vereinigtes Königreich

    Das Vereinigte Königreich hatte als einzige Großmacht ein Berufsheer. Das war folglich ziemlich klein und bestand aus nicht einmal 200.000 Mann. Zudem gab es noch Reservisten, und natürlich die Marine. Die Landmacht trug eine khaki-farbene Uniform.

    Nach Ausbruch des Krieges begannen massenhaft Freiwillige herbeizuströmen. 1916 wurde außerdem die allgemeine Wehrplficht eingeführt. Dadurch gab es am Ende des Krieges nicht weniger als 5 Millionen britische Soldaten.

    Belgien

    Das deutsche Heer, das in Belgien einfiel, bestand aus 850.000 modern bewaffneten und gut ausgebildeten Soldaten. Belgien konnte dem nur wenig entgegensetzen. Trotz der Einführung der Wehrpflicht im Jahr 1913 zählte das belgische Heer insgesamt nur 200.000 Mann. Die Bewaffnung war veraltet und unzureichend, ein deutlicher Verteidigungsplan fehlte und die Ausbildung war mangelhaft. Daran konnten auch die vielen begeisterten Kriegsfreiwilligen nur wenig ändern.

    Deutschland

    Die deutsche Machtausdehnung und der Nationalismus drohten, das zerbrechliche Gleichgewicht der Mächte in Europa zu stören. Die Folge war ein schnelles Wettrüsten. Die meisten Länder bauten auch ihr Heer erheblich aus.

    Das Deutsche Reich hatte insgesamt nicht weniger als 3,8 Millionen Männer einberufen. Sie trugen eine neue, feldgraue Uniform. Die deutschen Reserven waren viel besser ausgebildet und bewaffnet als die französischen. Deutschland hatte auch viel schwerere Kanonen. Die Flotte war nach der britischen die zweitgrößte der Welt. Zudem konnten die Deutschen Zeppelines für Aufklärungsflüge und Luftbombardements nutzen.

    Russland

    Russland hatte das größte Heer von allen. Die meisten Soldaten waren jedoch schlecht ausgerüstet und ausgebildet. Doch hatten die Deutschen Angst vor der 'russischen Dampfwalze'.

    Aber schon im August 1914 schlugen sie den "russischen Bären" an der Ostfront. Die Bedrohung war vorläufig abgewendet.

    Österreich-Ungarn

    Das Heer von Österreich-Ungarn war zwar groß, verfügte aber über zu viele verschiedene Nationalitäten. Drei Viertel der Mannschaften war nicht deutschsprachiger Herkunft. Dies erschwerte die Leitung des Heeres erheblich.

    Frankreich

    Das französische Heer war gleich groß wie das deutsche: 3,8 Millionen Mann. Die Franzosen verwendeten leichtere Kanonen als die Deutschen. Diese waren zwar sehr wendig und schnell, aber gleichzeitig wesentlich weniger wirksam. Die Mannschaften trugen noch immer ihr altes, auffallendes Outfit: eine blaue Tunika und eine rote Hose. Es waren allzu auffallende Farben, die vielen Soldaten das Leben kosteten.

  • Der Schlieffen-Plan

    Deutschland wurde an zwei Seiten von Feinden eingeschlossen: Frankreich und Russland. Beide hatten im Jahr 1893 ein Militärbündnis geschlossen. Das konfrontierte Deutschland mit einem unangenehmen Problem: wenn es einen der beiden angriff, musste es an zwei Fronten kämpfen. Um einen solchen Zweifrontenkrieg zu vermeiden, hatte der deutsche Generalstab einen Plan: den Schlieffen-Plan, nach dem ehemaligen deutschen Generalstabschef, Alfred Graf von Schlieffen.

    Beim Schlieffen-Plan ging es um Schnelligkeit und Timing. Die Deutschen berechneten, dass Russland 6 Wochen brauchen würde, um sein Heer zu mobilisieren. Selbst benötigte Deutschland nur 2 Wochen, genauso wie Frankreich. Deshalb setzten die Deutschen auf einen schnellen Sieg innerhalb von sechs Wochen gegen Frankreich. Als die Franzosen an der Westfront besiegt waren, könnten die Deutschen ungestört die Russen an der Ostfront in Angriff nehmen.

    Die Franzosen würden den deutschen Angriff über Elsass-Lothringen erwarten, dachte Schlieffen. Seit dem Deutsch-Französischen Krieg, als die Deutschen das Gebiet erobert hatten, hatte Frankreich an seiner neuen Ostgrenze einen Gürtel von Festungen angelegt. Um diesen auszuweichen, beschloss Schlieffen, Frankreich über den Norden anzugreifen. Die französische Grenze mit Belgien war kaum geschützt. Dann würden die Deutschen schnell nach Paris vorstoßen und das französische Heer von hinten angreifen und vernichten.

    Belgien

    Der Plan hatte jedoch eine Schwachstelle: Belgien war seit seiner Entstehung im Jahr 1830 ein neutrales Land. Stärker noch, Deutschland war einer der 'Garanten': gemeinsam mit dem Vereinigten Königreich, Frankreich, Österreich und Russland hatte es seinerzeit feierlich versprochen, die belgische Neutralität dauerhaft zu schützen. Doch hielten die Deutschen am Schlieffen-Plan fest. Über einen eventuellen Widerstand in Belgien machten sie sich wenig Sorgen. Das kleine Land würde es nicht wagen, sich zu wehren, dachten sie.

    Frankreich

    Die französische Grenze mit Belgien war in der Tat kaum geschützt. Dieser Fehler der französischen Strategie hatte verschiedene Ursachen. Die wichtigste war die Doktrin der 'offensive à outrance', dem Glauben an die Kraft des Angriffs bis zum Äußersten. Für die französischen Heeresstrategen war Angreifen nobel und ehrenvoll, Verteidigen dahingegen hinterhältig und feige.

    Die Franzosen glaubten auch nicht, dass die Deutschen die Neutralität Belgiens verletzen würden, denn dadurch würde sich England am Konflikt beteiligen. Zudem glaubte der französische Oberbefehlshaber Joffre, dass eine Umgehung der Deutschen gerade eine gute Sache sein würde, weil sie dann im Zentrum verletzlich werden. Ein französischer General drückte es so aus: 'Umso besser für uns, wenn sie bis Lille gelangen. Wir schneiden das deutsche Heer einfach entzwei!'

    Aber die Franzosen berücksichtigten den Einsatz feindlicher Reservetruppen nicht. Dadurch konnten die Deutschen gleichzeitig im Westen angreifen und im Zentrum standhalten.

    Als der Krieg letztendlich ausbrach, taten die Franzosen genau das, was die Deutschen erwartet hatten. Sie hatten all ihre Kraft in Elsass-Lothringen konzentriert und ihre nördliche Grenze vernachlässigt. Dadurch konnte die deutschen Armeen im August 1914 zügig durch Belgien und Nordfrankreich ziehen und nach Paris vorrücken. Sie trieben die französischen und britischen Armeen vor sich her. Es sah danach aus, dass Deutschland den Widerstand der Alliierten planmäßig innerhalb von sechs Wochen aufrollen würde.

    Ein Fehlschlag

    Doch wurde der Schlieffen-Plan ein paar Wochen später zum Fiasko. Kurz vor Paris beschloss General von Kluck, der Befehlshaber des westlichsten deutschen Heeres, vom Plan abzuweichen. Anstelle nach Paris vorzustoßen, bog er südöstlich ab. Auf diese Art und Weise bot er seinen Gegnern die Möglichkeit, sich neu zu gruppieren und ihn in der Flanke anzugreifen. Das geschah in der Marne-Schlacht, an der 2 Millionen Soldaten teilnahmen.

    Weshalb wichen die Deutschen von ihrem ursprünglichen Plan ab? Fürchtete von Kluck, von seiner Bevorratung isoliert zu werden? Waren seine Mannschaften zu erschöpft vom tagelangen Marschieren? Wir werden es niemals mit Gewissheit wissen.

    Der Schlieffen-Plan sah auf dem Papier prächtig aus, scheiterte jedoch unwiderruflich am Chaos und der Verwirrung der ersten Kriegstage. Genauso wie die Franzosen hatten die Deutschen nicht eingesehen, dass ein Krieg in dieser Größenordnung von niemandem kontrolliert werden konnte.

    Nach der Marne-Schlacht mussten sich die Deutschen zurückziehen. Nach einigen Wochen scheiterten auch die Bewegungen der Alliierten im Schlamm von Nordfrankreich und in der IJzerebene. Von der Nordsee bis zur Schweizer Grenze entstand eine doppelte, ununterbrochene Linie von verstärkten Schützengräben. Der Bewegungskrieg war in einer blutigen Pattstellung versandet, die vier Jahre andauern sollte. Für diese Pattstellung waren Hunderttausende Menschen gestorben, gefallen und ermordet worden.

  • Sarajevo

    Eine Torheit am Balkan, so hatte Bismarck vorhergesagt, würde einen neuen Krieg entfesseln. Im Sommer 1914 sollte er Recht behalten. Ein Vorfall in Sarajevo, der Hauptstadt von Bosnien-Herzegowina, war der Funken, der Europa zum Brennen brachte.

    1908 hatte Österreich-Ungarn das benachbarte Bosnien-Herzegowina annektiert. Seitdem sandten die bosnischen und serbischen Nationalisten auf Rache.

    Am 28. Juni 1914 sahen sie ihre Chance. An diesem Tag besuchte Erzherzog Franz Ferdinand, der Kronprinz von Österreich-Ungarn, Sarajevo. Der Student Gavrilo Princip erschoss Franz Ferdinand und dessen Ehefrau aus nächster Nähe mit einer belgischen FN-Pistole.
    Princip war Mitglied der nationalistischen Bewegung "Junges Bosnien". Diese hatte Verbindungen mit der "Schwarzen Hand", einer obskuren serbischen Terrororganisation. Für Österreich-Ungarn stand damit fest, dass Serbien hinter dem Anschlag steckte.

    Am 23. Juli zog Wien Serbien zur Verantwortung und formulierte ein Ultimatum. Serbien ging auf die meisten österreichischen Forderungen ein, aber doch hielt Wien dies für unzureichend. Am 28. Juli erklärte es Serbien den Krieg. Am Tag danach nahm die österreichische Artillerie die serbische Hauptstadt Belgrad unter Beschuss. Österreich-Ungarn stützte sich auf den "Blankoscheck" der Deutschen.
    Die gegenseitigen Verpflichtungen und Bündnisse machten einen groß angelegten Konflikt unvermeidbar.

     

  • Der Beginn

    Nach dem Anschlag in Sarajevo rief Frankreich die allgemeine Mobilmachung aus. Armeen wurden einsatzbereit gemacht. Am 2. August überschritt das deutsche Heer die Grenze zu Luxemburg. Zwei Tage später fiel es auch in Belgien ein. Für Großbritannien war dies der Anlass, um ebenfalls gegen Deutschland in den Kampf zu ziehen. Der Erste Weltkrieg hatte begonnen.

    Sofort nach dem Ausbruch des Krieges waren die Bündnispartner nur zu zweit. Italien, das dritte Mitglied der Tripel-Allianz, hatte sich zurückgezogen. Den Italienern zufolge hatten die zwei Bündnispartner nämlich selbst den Angriff begonnen. Italien war also der Meinung, nicht zur Hilfe verpflichtet zu sein.

    Nahezu unverzüglich, im August 1914, besiegte Deutschland das russische Heer. Die Bedrohung an der Ostfront war vorläufig abgewendet.

  • Die Schlacht an der IJzer

    Belgien war neutral. Dafür bürgten sowohl Frankreich, das Vereinigte Königreich als auch das Deutsche Reich. Am 4. August 1914 verletzte Deutschland jedoch einseitig den Vertrag. Achtunddreißig Divisionen des deutschen 1., 2. und 3. Heeres (rund 800.000 Mann) zogen in Belgien ein. Sie beabsichtigten, das kleine belgische Heer von 200.000 Mann zu überwältigen und danach südlich weiterzuziehen, um die Franzosen zu umzingeln und zu besiegen.

    Aber die Belgier ließen sich nicht so einfach überwältigen. Während die britische Expeditionsarmee angeführt wurde, verteidigten sich die Belgier hartnäckig. Sie hielten den Vormarsch hier und dort um einige entscheidende Tage auf und boten zwei entscheidende Monate lang Widerstand bei Antwerpen. Die Deutschen hatten erwartet, dass sie innerhalb von 39 Tagen Paris erobern und die Franzosen besiegen würden. Stattdessen brachten die Alliierten sie Anfang September zum Stillstand. Sowohl die Deutschen als auch die Alliierten entsandten Truppen in den Norden, in Richtung der Kanalhäfen. Beide Streitkräfte versuchten, einander den Weg abzuschneiden, während sie weiter vorrückten.

    Mittlerweile kamen die übrigen Truppen des belgischen Heeres, das sich aus Antwerpen zurückgezogen hatte, gemeinsam zum linken Ufer der IJzer. Dort bildeten sie eine Front. Am 20. Oktober setzte der Angriff des 4. deutschen Heeres ein. Zwei Tage später gelang es Einheiten einer deutschen Division, den Fluss zu überqueren. Die Belgier mussten sich bis hinter die Bahnlinie Nieuwpoort-Diksmuide zurückziehen. Bei Diksmuide wurde die Hälfte der 6.500 als Verstärkung entsendeten französischen "Fusiliers-marins" ausgeschaltet. Die Verteidigung hielt stand. Aber wie lange noch?

    Am 25. Oktober erteilte König Albert I, Befehlshaber der belgischen Armee, den Befehl, die Ebene hinter der IJzer zu fluten. Bei der Mündung in Nieuwpoort wurden die Schieber vor jeder Flut geöffnet und bei Ebbe wieder geschlossen. Mit zweimal täglich Hochwasser dauerte es mehrere Tage, um genug Meereswasser hereinzulassen und zu verhindern, dass es zurück ins Meer floss. Aber gerade, als die Deutschen am 29. und 30. Oktober im Begriff waren, endgültig zu den Kanalhäfen vorzustoßen, bildeten der Fluss und das überschwemmte Land ein uneinnehmbares Hindernis. Den Deutschen blieb nichts anderes übrig als sich zurückzuziehen. Trotz wiederholter Angriffe stellte das Wasser den Sektor an der IJzer für den Rest des Krieges sicher.

  • Die Erste Ypernschlacht

    Mitte Oktober 1914 waren die Hügel rund um Ypern, die 4 bis 8 km vom Stadtzentrum entfernt liegen, im Besitz der Franzosen und Briten. Am 18. Oktober erhielten die britische 7. Infanteriedivision und die 3. Kavalleriedivision den Befehl, nach Osten vorzurücken und sich neben der französischen Kavallerie in Roeselare aufzustellen. Sie sollten niemals dorthin gelangen. Sie begriffen nicht, in welchem Ausmaß sie selbst angegriffen werden würden.

    Zwei Tage später waren es die Deutschen, die die Hügel besetzten. Sie hatten auch Passendale eingenommen, das sie drei Jahre lang nicht mehr preisgeben sollten. Am folgenden Tag, dem 21. Oktober 1914, lancierten sie ihren Angriff auf die Stadt. Die erste Ypernschlacht hatte begonnen. In Langemark standen Berufssoldaten der 1. britischen Division einer Masse deutscher Reservisten und Freiwilligen gegenüber, meistens Kadetten und Universitätsstudenten mit kaum sechs Wochen militärischer Ausbildung. Mindestens 3.000 von ihnen sollten den Angriff nicht überleben. Eine große Anzahl liegt heute auf dem Studentenfriedhof begraben, dem deutschen Soldatenfriedhof in Langemark.

    Trotz ihrer Verluste drängten die Deutschen die Alliierten weiter zurück. Bis 31. Oktober hatten sie Geluveld erobert und am Meenseweg beinahe die britische Linie durchbrochen. Am folgenden Tag nahmen sie den Hügelkamm von Mesen und Wijtschate ein, während die Briten Geluveld eroberten. Das Schicksal von Ypern hing an einem seidenen Faden. Am 11. und 12. November besetzten die Deutschen Sint-Elooi. Die professionelle britische Expeditionsarmee war mittlerweile nahezu vollständig zerstört. Köche, Versorgungsunteroffiziere, Signalgeber und andere Nichtkämpfer wurden in die Feuerlinie geschickt, mit oder ohne Waffen.

    Aber die deutschen Angriffe wurden weniger heftig und rasch stellten beide Lager erschöpft den Kampf ein. Es war das Ende der Ersten Ypernschlacht und der Beginn des Stellungskrieges - und des Winters. Um zu vermeiden, dass die Alliierten in Ypern Schutz finden würden, beschossen die Deutschen die Stadt konstant. Am 22. November schossen sie die Tuchhallen und das gesamte Stadtzentrum in Brand. Der Salient war mittlerweile nur mehr halb so groß wie zu Beginn und bereits jetzt waren rund 100.000 Mann gefallen. Noch einmal mindestens 400.000 Mann sollten in den folgenden drei Jahren sterben.

  • Weinachtsfrieden

    Zu Beginn des Stellungskrieges im November 1914 gab es Anzeichen stillschweigender Absprachen. An verschiedenen Stellen der Front schrieben Soldaten beider Seiten über Unterbrechungen der Kämpfe, vor allem rund um das Frühstück und Abendessen, wenn die Rationen zur Frontlinie gebracht wurden.

    Seit den napoleonischen Kriegen war in nahezu allen großen Kampagnen von informellen Waffenstillständen die Rede. Doch war das Ausmaß der Verbrüderung zwischen britischen und deutschen Truppen in den Weihnachtstagen von 1914 überraschend groß. Die Berichte sowohl von Offizieren als auch gewöhnlichen Soldaten lassen vermuten, dass mindestens zwei Drittel des britischen Sektors daran beteiligt waren. Bei den Franzosen und Belgiern war es nicht viel anders.

    Der Weihnachtsabend war eine prachtvolle, vom Mond erleuchtete Frostnacht, die noch schöner wurde, als die Deutschen auf kleinen Weihnachtsbäumen Kerzen anzündeten und sie auf die Brüstungen stellten. 'Genau wie das Rampenlicht in einem Theater', schrieb ein britischer Soldat. Es wurden Weihnachtslieder gesungen ('ich glaube, dass wir weniger harmonisch klangen wie die Deutschen'). Dann wurde hin und hergerufen: 'Hallo, Tommy!' 'Hello, Fritz!' Die 'Feinde' wagten sich vorsichtig ins Niemandsland, schüttelten einander die Hand, gaben einander ein Feuer und wechselten Geschenke aus: Deutsche Würste und Zigaretten, Eintopf in der Dose, Tabak, Familienfotos und Londoner Zeitungen.

    Der Waffenstillstand dauerte bis zum Ende des zweiten Weihnachtstages. An einigen Stellen hielt er bis Neujahr stand, selbst bis in den Januar hinein. Aber in anderen Sektoren ging der Krieg einfach weiter. Der Zustand konnte 200 Meter weiter ganz anders sein, abhängig von der Haltung eines Bataillonskommandanten. Überall dort, wo es zu einem Waffenstillstand kam, nutzten beide Seiten die Gelegenheit, ihre Toten zu begraben und ihre Schützengräben zu verbessern.

    Dilemmas

    Während der Waffenruhe zu Weinachten trafen Soldaten 'Feinde', die genauso wie sie den Schrecken der vier ersten Kriegsmonate vergessen wollten. Winston Churchill, damals 39 Jahre alt und First Lord of the Admiralty (sozusagen britischer Marineminister), war Berichterstatter im Burenkrieg in Südafrika und kannte folglich das Dilemma, mit dem die Soldaten konfrontiert wurden. Er schrieb im November 1914 an seine Frau: 'Ich frage mich, was passieren würde, wenn die Armeen plötzlich gleichzeitig die Waffen strecken und sagen würden, dass eine andere Art und Weise gefunden werden musste, um die Uneinigkeit zu schlichten!'

    Für viele andere gab es überhaupt kein Dilemma. Leutnant Tyrell, der als Arzt mit dem 2. Bataillon Lancashire Fusiliers verbunden war, schrieb in sein Tagebuch: 'Donnerstag, 24., Weihnachtsabend. Hier ist kein Frieden! Kanonendonner rund um Ploegsteert und Mesen.' Andere standen dahingegen wohl vor einer moralischen Entscheidung, wenn auch nur vorübergehend. Brigadegeneral Count Edward Gleichen, der Kommandant der britischen 15. Infanteriebrigade während des weihnachtlichen Waffenstillstandes, schrieb später: 'Was mussten unsere Männer tun, als deutsche Soldaten aus ihren Schützengräben kamen und unbewaffnet zur anderen Seite gingen, mit Zigarren und Weihnachtswünschen? Schießen? Auf unbewaffnete Männer schießt man nicht.'

    Zweifel gab es nicht bei den Leitern der verschiedenen christlichen Kirchen. Sie waren alle gleichermaßen überzeugt, dass ihre Seite einen gerechten Krieg führte. Aber für einen Mann wie den flämischen Künstler, Internationalisten und Pazifisten Franz Masereel war der Begriff 'gerechter Krieg' ebenso absurd wie grotesk. Masereel arbeitete als unbesoldeter Freiwilliger für das Rote Kreuz in Genf, wo er Post für Kriegsgefangene sortierte. Später sollte er seine künstlerischen Talente nutzen, um das Verhalten aller kriegsführenden Nationen aufs Korn zu nehmen. Seine Holzschnitte und Zeichnungen erschienen erstmals in Les Tablettes, einer Monatszeitschrift, die sich gegen den Krieg richtete, und später in der Zeitung La Feuille. Masereel kam meistens um 11 Uhr abends an. Zwei Stunden, bevor die Zeitung in die Druckerei ging, wählte ein Thema und verarbeitete es vor Ort zu einer Zeichnung. Es musste also direkt sitzen: Zeit für Verbesserungen gab es nicht.

    Aber der Krieg dauerte an. Die Befehlshaber fürchteten, dass das monotone Leben im Schützengraben erneut zur Philosophie von 'Leben und leben lassen' führen könnte, die den weihnachtlichen Waffenstillstand inspiriert hatte. Deshalb erteilten sie den Offizieren der unteren Ränge die Anweisung, 'die offensive Einstellung der Truppen mit allen verfügbaren Mitteln zu ermutigen, selbst wenn sie in der Defensive waren'.

  • An der Front

    Das Leben im Schützengraben

    Von allen Kriegshandlungen des Ersten Weltkrieges regen die vom Tod gezeichneten Feldschlachten - Verdun, Somme, Passendale - am meisten die Phantasie an. Und doch kommt das Wort 'Feldschlacht' nur selten in Kriegserinnerungen und Zeugnissen vor. Was den Soldaten mehr im Gedächtnis haften blieb, ist das Leben im Schützengraben: die Langeweile, die Kälte, der Schlamm, das Ungeziefer, das Elend ...und - trotz alldem - das Abenteuer und die Freundschaft.

    Schlamm

    Das Schlimmste im Schützengraben war das schlechte Wetter. Regen verwandelte den Ackerboden in riesige Schlammtümpel. Metertiefe Granattrichter füllten sich mit Schlamm, der Männer, Kanonen und selbst ganze Pferdegespanne nach unten zog. Die Schützengräben mussten folglich konstant instandgehalten werden. Häufig konnte man die Schützengräben nicht mehr erkennen . 'Boue et boche', der Schlamm und der Deutsche, waren für den französischen Oberbefehlshaber Foch die schlimmsten Gegner.

    Kälte

    Neben dem Schlamm gab es noch die Kälte. Im Winter 1917 fror es bei Ypern bis -20°C. Was man auch trug, es war von Kälte durchdrungen. Bewegen war kaum möglich und ein Feuer anzuzünden war ausgeschlossen. Vor allem diejenigen, die in den endlosen Winternächten Wachtdienst hielten, mussten viel ertragen. Wer zu lang im nassen, kalten Schützengraben stand, trug 'Schützengrabenfüße' davon: blaue, leblose Füße mit Entzündungen.

    Ratten und Läuse

    In und um die Schützengräben wimmelte es von Ratten. Sie fraßen nicht nur die karge Nahrung der Soldaten, sondern auch die vielen nicht begrabenen Leichen im Niemandsland. Im Roman 'Im Westen Nichts Neues' nennt Erich Maria Remarque sie deshalb 'Kadaverratten':

    'Sie essen jedermanns Brot. Kropp wickelt das von ihm in seine Zeltplane und legt es unter seinen Kopf, aber er kann nicht schlafen, weil die Ratten über sein Gesicht laufen, um sich sein Brot holen zu können.'

    Auch Läuse waren eine große Plage. Im Schützengraben, wo Hygiene kaum bestand, entkam ihnen niemand. Läuse können tagelang ohne Blut überleben und sind sehr Kältebeständig. Einige Männer hatten buchstäblich Hunderte auf ihrem ganzen Körper. Aber das Entfernen der Läuse vertrieb die Langeweile und war eine wahrlich soziale Beschäftigung.

    Mentale Probleme

    Die Soldaten hatten es nicht nur körperlich schwer, auch geistig forderte das Leben im Schützengraben seinen Zoll, denn die Langeweile im Schützengraben war nur schwer zu ertragen. 

    Darüber hinaus gab es die ständige Angst vor dem Tod. Granaten und Scharfschützen forderten täglich Opfer. Zudem standen die Soldaten häufig wörtlich Auge in Auge mit dem Tod. Die Leichen im Niemandsland konnten nicht immer begraben werden, sodass sie manchmal nahe der Stellungen verwesten ...

    Der Schlafmangel, die quälende Angst und die konstante Konfrontation mit dem Tod sorgten für große Angespanntheit. Gemäß der Frontzeitung L'Echo des tranchées-ville kannte jeder Soldat den berüchtigten 'Cafard'. 'Dies ist eine moralische Schlaffheit, die einen besiegt. Alles ist schwer. Man hat das Leben satt ...'

    Einige Soldaten wurden buchstäblich verrückt. Zu Beginn des Krieges nahm die Heeresleitung derartige Fälle nicht ernst, aber doch wurden viele Soldaten in den letzten Kriegsjahren wegen psychischer Probleme behandelt.

    Trost

    Aber das Leben im Schützengraben bestand nicht nur aus Elend. Jeden Tag wieder freuten sich die Männer auf das Eintreffen der Rationen, auch wenn die Nahrung häufig schlecht und eintönig war. Wenig konnte sie so ärgern und rebellisch machen wie Essen, das zu spät oder überhaupt nicht gebracht wurde.

    Auch Zigaretten waren ein Trost. Rauchen war in den Jahren vor dem Krieg in allen Bevölkerungsschichten enorm populär geworden. Tabak und Zigaretten waren im Verhältnis zu heute sehr billig.

    Katzen oder andere Haustiere, die meistens von verlassenen Bauernhöfen stammten, wurden von den Soldaten verhätschelt. Die Männer legten auch großen Wert auf die vielen Zug- und Lasttiere des Heeres: Maulesel, aber vor allem Pferde. Tausende Pferde wurden genauso wie die Menschen Opfer von Granaten, Kugeln, Krankheit und Erschöpfung. Bei Gestöhne verletzter Kameraden blieben viele Soldaten scheinbar unberührt, aber bei einem sterbenden Pferd hatte es selbst der abgehärteste Veteran schwer.

    Die Feldschlachten

    In nahezu allen Gefechten oder Schlachten im Ersten Weltkrieg ließen Tausende Soldaten ihr Leben für einen Bodengewinn von ein paar hundert Meter.

    Ein Gefecht begann mit Sperrfeuer. Die Artillerie, die sich etwas hinter der eigenen Frontlinie befand, versuchte mit schwerem Geschütz, die feindlichen Schützengräben in Trümmer zu schießen. Ein derartiger Beschuss konnte stundenlang dauern und machte einen ohrenbetäubenden Lärm. ­Wenn der Wind gut stand, waren die Gefechte rund um Ypern bis nach London hörbar.

    Nach dem Sperrfeuer folgte der Sturmlauf. Auf ein vereinbartes Zeichen hin kletterten Tausende Soldaten gleichzeitig aus ihrem Schützengraben. Direkt hinter ihnen folgte eine zweite Welle, danach eine dritte, und so weiter.

    Auf dem Papier schien es einfach. Zuerst schaltete das Sperrfeuer die Verteidiger aus. Danach mussten die Angreifer das Niemandsland überqueren, den restlichen Widerstand beseitigen und die Positionen des Feindes einnehmen.

    Aber die Praxis war meistens anders. Häufig verwüstete das Sperrfeuer zwar viel, jedoch konnten die Verteidiger in ihren Gräben tief unter dem Grund den Beschuss überleben. Wenn der Angriff ausbrach, eilten sie nach oben und begannen zu schießen.

    Viele Männer wurden bereits nach einigen Metern von einer Kugel, einem Bombensplitter oder einem Granatensplitter getroffen. Viele fielen, andere wurden schwer verletzt. Wenn sie den eigenen Schützengraben nicht erreichen konnten, mussten sie auf Hilfe warten. Wenn keine Hilfe kam, konnten sie nur auf den Tod warten.

    Die Schützengräben wurden durch dicke Rollen oder Netze aus Stacheldraht geschützt. Meistens waren diese nicht ausreichend zerstört. Dann saßen die Angreifer fest und wurden hilflos vom Schützengraben aus erschossen.

    Soldaten, die es doch durch das Niemandsland schafften, hatten häufig keine Ahnung, wie sie weitermachen sollten. Am Schlachtfeld konnte jeder Schritt außerhalb des Schutzes eines Schützengrabens oder Granattrichters der letzte sein. Es war nahezu unmöglich, während der Gefechte zu kommunizieren oder Befehle zu übermitteln. Das Telefon bot auch keinen Ausweg, denn die Telefonleitungen endeten dort, wo das Niemandsland begann.

    Wenn es Abend wurde, war es Zeit, den Bodengewinn zu messen und die übrig gebliebenen Soldaten zu zählen. Man zählte die Toten und Verletzten. Die erste Zahl war häufig kleiner als gedacht, die zweite beinahe immer größer. Am 01. Juli 1916, dem ersten Tag der Somme-Schlacht, zählten die Briten beispielsweise 21.000 Tote und noch einmal doppelt so viele Verletzte.

    Auf einigen Schlachtfeldern fielen Dutzende Männer für einen Quadratmeter Bodengewinn. Mit ihren Maschinengewehren und Kanonen waren die Verteidiger immer im Vorteil. Die Generäle berücksichtigten dies sogar: wenn man nur genug Soldaten nach vorne jagt - so dachten sie - gibt es wohl immer ein paar, die es zur anderen Seite schaffen. Zehntausende Soldaten bezahlten diese Taktik mit ihrem Leben.

    Das Niemandsland

    Was war das Niemandsland? Dies war der Streifen zwischen dem vordersten Schützengraben der feindlichen Heere. Das Niemandsland verlief wie ein Band über die gesamte Westfront. Die Breite variierte von 1.000 bis knapp 50 Meter. Es war mit Stacheldraht verstärkt; ab und zu standen durch Granateinschläge abgebrochene Bäume. Es war voll mit Ratten, die von den Leichen der Soldaten und den verwesenden Pferdegerippen lebten. Es war übersät mit Granattrichtern, die sich bei Regen mit Wasser füllten. Soldaten fielen hinein und ertranken. In Flandern erstickten sie im Schlamm, in dem sie unter dem Gewicht ihrer Ausrüstung versanken.

    Manchmal musste sich die Infanterie anstelle eines direkten Angriffs in das Niemandsland einschleichen und auf das Signal für einen großen Angriff warten. Jede Nacht durchquerten Patrouillen das Niemandsland zur Erkundung oder um den Feind überraschend zu töten oder gefangen zu nehmen. Eine Patrouille, die im Licht einer Leuchtrakete ertappt wurde, wurde mit Maschinengewehren ausgeschaltet. Laut Ernst Jünger, seinerzeit ein deutscher Offizier, war der Lärm einer unaufhörlichen nächtlichen Artilleriebombardierung so erschütternd, dass Männer ihren eigenen Namen vergaßen oder nicht einmal mehr bis drei zählen konnten. Tagsüber wurde die Stille nur durch den trockenen Knall des Gewehrs eines Scharfschützen unterbrochen.

    Waffen

    Bis Anfang des Neunzehnten Jahrhunderts wurden Waffen von Spezialisten hergestellt und Feldschlachten zwischen kleinen Armeen ausgetragen. Krieg, das bedeutete bewährte taktische Schachzüge, gewagte Improvisationen und individuellen Heldenmut. Aber gegen Ende desselben Jahrhunderts produzierte die Waffenindustrie viele tausende Maschinengewehre und es konnten - wie man im Bericht von der Schlacht bei Verdun lesen kann - '... drei Männer und ein Maschinengewehr ein ganzes Bataillon an Helden aufhalten'. Der Charakter des Krieges hatte sich grundlegend verändert. Waffen waren jetzt wichtiger als Mannschaften. Und einfacher obendrein: um ein Maschinengewehr zu bedienen, benötigte man nicht die Fertigkeiten, die schnelles Gewehrfeuer erforderte.

    Im August 1914 war dies noch nicht erkannt worden. Es wurde erst deutlich - jedenfalls für die klügsten Frontsoldaten - als sich die Deutschen gegen Ende des Jahres eingruben, um das eroberte Gebiet zu verteidigen. Wie hart die Alliierten auch versuchten, die deutsche Linie zu durchbrechen - sie wurden durch Maschinengewehre aufgehalten und von der deutschen Artillerie in Stücke gerissen: die 'neuen' und die 'alten' Waffen. Die Verteidiger hatten alle Trümpfe in der Hand.

    Während des Ersten Weltkrieges erreichte die Artillerie eine größere Reichweite als jemals zuvor (mehr als 20 Kilometer für die größten Haubitzen), sodass die Batterien ein Stück hinter den Linien aus der Sichtweite des Feindes gehalten werden konnten. Aufgrund der stets moderneren Projektile und der besseren Beherrschung des Rückschlages konnten auch Kanonen künftig schnell und doch präzise schießen, zumindest wenn sie auf einem stabilen Untergrund standen. Ab 1917 hatte sich auch die Artillerietaktik erheblich verbessert, mit fünf oder sechs aufeinanderfolgenden Projektil-Wellen, die sich bei einem Angriff langsam nach vor schoben und von der aufrückenden Infanterie gefolgt wurden.

    Doch hatte keines der beiden Lager einen deutlichen Vorsprung in der Bewaffnung, selbst nicht in Bezug auf Maschinengewehre. Also suchten sie  neue Mittel und Wege, um die Pattstellung zu durchbrechen. Sie verteidigten sich mit enormen Mengen an Stacheldraht - Hindernisse, die bis zum Eintreffen der Panzer nahezu unmöglich besiegt werden konnten - und mit Betonbunkern. Sie attackierten einander mit Tränengasen, Flammenwerfern, Bomben, Panzern und Handgranaten (die Handgranate war für den Ersten Weltkrieg, das, was das Bajonett für die Schlacht bei Waterloo war). Sie gruben Gänge unter den feindlichen Stellungen und füllten sie mit schweren Sprengstoffen.

    Gas

    Am 22. April 1915 wurde bei Steenstraat, zwischen Ypern und Diksmuide, zum ersten Mal in der Geschichte tödliches Giftgas eingesetzt. Eine grüngelbe Wolke trieb langsam zu den alliierten Schützengräben. Französische und kanadische Soldaten waren die ersten Opfer.

    Die Deutschen sollten ihren frühen Vorsprung in chemischen Waffen für den Rest des Krieges beibehalten. Große Unternehmen, wie Bayer und BASF produzierten immer noch tödlichere und effizientere Gase.

    Anfänglich kam das Gas aus großen Zylindern, bei denen man einfach den Hahn öffnen musste. Später wurden Gasgranaten entwickelt.

    Gas war lebensgefährlich, aber glücklicherweise sehr schwierig zu verwenden. Am wichtigsten war, dass der Wind gut stand. Ansonsten blieb das Gas hängen oder - noch schlimmer - wehte zurück in die eigenen Reihen. Im Hinblick auf den Wind waren die Deutschen im Nachteil: Sie befanden sich an der östlichen Seite der Front, während der Wind meistens aus dem Westen kam.

    In Steenstraat verwendeten die Deutschen Chlorgas. Im Dezember 1915 kamen sie mit Phosgen, das viel gefährlicher war. Senfgas (oder Yperit, nach Ypern benannt) nahm im Juli 1917 seinen Einzug an der Front. Es war nicht zum Töten bestimmt, sondern um Soldaten lange Zeit kampfunfähig zu machen.

    Gasmasken waren das einzige Mittel gegen Giftgas. Bereits einige Wochen nach dem ersten Gasangriff verwendeten die Briten eine primitive Maske. Aber erst 1917 hatten sie eine Gasmaske entwickelt, die wirklich sicher war - außer gegen Senfgas, denn das drang auch über die bloße Haut in den Körper ein. Mehr als 90 Prozent aller Opfer konnten nach einem Gasangriff an die Front zurückkehren. Aber viele sollten den Rest ihres Lebens mit Atemproblemen kämpfen. Und auch die Angst blieb...

    Medizinische Versorgung

    Ein Krieg in industriellem Maßstab forderte eine hohe Opferzahl. Theoretisch waren die Alliierten darauf vorbereitet, aber die Praxis sah anders aus. Zwei Drittel der belgischen Soldaten, die in Folge der Schlacht an der IJzer fielen, starben bei den Stationen von Dünkirchen und Calais, wo sie tagelang in Reihen nebeneinander auf Versorgung warteten, die niemals kam. Und ohne die Hilfe freiwilliger Sanitätseinheiten hätten noch mehr belgische und französische Soldaten das Leben verloren.

    In den ersten Kriegsmonaten wurden die medizinischen Dienste an beiden Seiten völlig überrumpelt, sowohl durch die Art der Verletzungen als auch durch die Anzahl der Verletzten. An der Westfront wurde der Krieg auf fruchtbarem, schwer gedüngtem Ackerboden ausgetragen. Schmutz und Bakterien drangen in die Wunden ein, die dadurch zu faulen begannen, sich mit Gas füllten und sich entzündeten. Das war der gefürchtete Gasfaulbrand - eine Erkrankung, die nichts mit Gasangriffen zu tun hatte, aber sehr vielen Männern das Leben kostete, auch wenn sie nur leicht verletzt waren. Antibiotika gab es noch nicht und die während des Krieges entwickelten Desinfektionsmittel halfen nicht. Die beste Behandlung war, das angegriffene Körpergewebe so rasch wie möglich zu entfernen.

    Wenn ein Soldat an der Front verletzt wurde, wurde er zum nächstgelegenen Verbandplatz ('hulppost', 'aid-post', 'poste de secours') gebracht, der meistens nur unweit von der vordersten Frontlinie entfernt war. Nach der ersten Versorgung ging er zu einem vorausgelagerten Verbandplatz oder der Verwundete wurde dorthin getragen, um eine Spritze gegen Tetanus zu erhalten. Danach brachte ihn eine schmerzhafte Fahrt in einem Krankenwagen oder einem von Pferden gezogenen Fahrzeug zum nächsten Feldlazarett, das auf Englisch CCS (casualty clearing station), auf Französisch ‚hôpital mobile‘ und auf Niederländisch ‚veldhospitaal‘ hieß.

    Einige dieser Feldlazarette befanden sich in Gebäuden, die das Heer beschlagnahmt hatte. Meistens waren es jedoch Zeltdörfer in der Nähe von Bahnhöfen, damit die Verletzten einfach an- und abtransportiert werden konnten. Aber die Züge, die die Verletzten wegbrachten - die Fließbänder dieses industriellen Krieges - brachten am Rückweg zur Front auch Munition und frische Truppen mit. Die Munition wurde neben den Bahnhöfen gelagert und war somit eine ideale Zielscheibe für die feindliche Artillerie. Die primitiven Feldlazarette in der Nähe wurden dann ebenfalls Opfer davon.

    Sehr viele Verletzte starben, bevor sie ein Feldlazarett erreichen konnten. Andere starben draußen auf Krankenbahren, während sie auf ein freies Bett warteten. Britische Soldaten, die gerettet werden konnten, wurden nach einigen Zwischenstopps in Verbandplätzen und Feldlazaretten mit dem Zug in eines der sicheren Basiskrankenhäuser an der Küste gebracht. Wer nicht so viel Glück hatte, wurde nach der Versorgung wieder an die Front zurückgeschickt. Aber jeder britische Soldat hoffte inständig auf eine 'Blighty wound': eine Verwundung, die schwer genug war, um mit dem Krankenschiff nach England zurück zu kehren, aber nicht so schwer, um dauerhaft behindert zu sein (Der Beiname 'Blighty' stammte von Soldaten, die in Britisch-Indien stationiert waren; auf Hindi bedeutet bilayati 'ein Ort in einer gewissen Entfernung').

    Wer einen Mann, Sohn oder Bruder an der Front hatte, konnte wenig mehr tun als ängstlich abwarten. Je weiter der Krieg voranschritt, desto mehr Tote gab es in jedem Dorf, jedem Viertel und jeder Straße zu beklagen. Besonders bitter ist die Geschichte der britischen Pals' Bataillons - Freiwillige aus derselben Fabrik, demselben Viertel oder derselben Vereinigung. Sie wurden gemeinsam an der Front eingesetzt und verloren manchmal auf einen Schlag die Hälfte ihrer Mannschaften oder mehr. Der Verlust für die Heimatfront nahm dann katastrophale Formen an.

    Der einfache Mann oder die einfache Frau hatten es schwer, um über die Runden zu kommen. Gleichzeitig florierten die Wuchergeschäfte: alles, was knapp war, wurde furchtbar teuer. In den kriegsführenden Ländern wurden die wichtigsten Lebensmittel im Laufe der Zeit folglich rationiert: es gab Lebensmittelkarten.

    Besetztes Belgien

    Der Zustand im besetzten Teil Belgiens war schlichtweg schlecht. Das größte Problem war die Lebensmittelversorgung. Die Landwirtschaft, die Industrie und der Import waren nahezu zusammengebrochen. Ein nationales Hilfe- und Nahrungskomitee durfte vom deutschen Staat die Versorgung organisieren. Amerikanische Lebensmittelhilfe kam vom Committee for the Relief of Belgium, unter Leitung des späteren Präsidenten Herbert Hoover. Überall auf der ganzen Welt sammelten Wohltätigkeitsaktionen Geld für 'poor little Belgium'.

    Im besetzten Belgien mussten Bürger einen Pass haben, um reisen zu können: seitdem besitzt jeder Belgier eine Identitätskarte. Die Wirtschaft stand völlig im Zeichen der deutschen Kriegsmaschinerie. Gleichzeitig gab es Hunderttausende Arbeitslose. 1916 führten die Besatzer die Wehrplficht für alle Männer von 14 bis 60 Jahren ein. Später wurden auch die Frauen beansprucht. Zehntausende Bürger wurden hinter der Front beschäftigt oder nach Deutschland deportiert.

    Bewaffneten Widerstand gab es in Belgien kaum. Allerdings wurden militärische Informationen aus dem Land geschmuggelt und die Bahnlinie nach Aachen mehr als einmal sabotiert. Junge Männer versuchten, aus dem Land zu flüchten, um sich über das Ausland dem Heer hinter der IJzer anzuschließen. Um sie aufzuhalten, schlossen die Deutschen die niederländische Grenze mit einem Hochspannungszaun ab. Viele fanden dort den Tod.

    Bereitschaft und Urlaub

    Kein einziger Soldat war den ganzen Krieg über an der Front. Für gewöhnlich dauerte ein Aufenthalt in den Schützengräben der ersten Linie ungefähr vier Tage, auch wenn die Ablöse manchmal länger auf sich warten ließ. Danach gingen die Männer einige Tage 'in Pikett' (Bereitschaft) zur zweiten Linie. Sie erledigten dort Arbeiten und waren rasch verfügbar, um im Notfall die erste Linie zu verstärken. Nach der Bereitschaft hatten die Mannschaften einige Tage Ruhe in ihrem Standquartier.

    Die Standquartiere waren meistens größere Baracken- oder Zeltlager. Manchmal wohnten die Soldaten bei gewöhnlichen Bürgern. Jeder Soldat freute sich enorm auf den Moment der Ablöse: 'Es ist herrlich, aus dem Schützengraben draußen zu sein. Man hat wieder die Freiheit, zu sagen: 'in einer Stunde'. (C.E. Montague).

    Männer, die von der Front kamen, waren todmüde. Sie wollten folglich zuerst ihren Schlaf nachholen. Danach gingen sie auf die Suche nach sauberem Wasser, sauberen Kleidern und einer kräftigen Mahlzeit, denn das mussten sie manchmal wochenlang entbehren. Im Lager gab es wenig zu erleben. Basteln, Kartenspielen und sogar Gartenarbeit durchbrachen die Langeweile. Im Übrigen war Ruhe im Heer ein relativer Begriff: für gewöhnlich mussten die Soldaten doch wieder verschiedene Arbeiten erledigen.

    Briten, Deutsche, die meisten Franzosen und einige Belgier konnten ab und zu nach Hause auf Urlaub fahren. Das passierte sehr selten und zudem unregelmäßig. Die Männer freuten sich natürlich enorm darauf. Doch war ein solcher Urlaub häufig enttäuschend: die Heimatfront begriff nicht, was an der Kriegsfront passierte. Manchmal konnten sie ihren Urlaub kaum genießen: so bekamen Schotten genauso wie alle britischen Soldaten nur eine Woche, auch wenn die Reise so lange dauerte, dass sie fast unverzüglich wieder von daheim abreisen mussten.

  • Hinter der Front

    Eine bunte gemischte Bevölkerung

    Neben den vielen Soldaten im Standquartier waren hinter der Front zahlreiche andere Männer tätig, wie beispielsweise die Transporttruppen und die verschiedenen Arbeiterskorps. Sie mussten Material und Munition antransportieren und verschiedene Arbeiten erledigen, wie z.B. Straßenarbeiten. Eines davon war das chinesische Arbeitercorps (Chinese Labour Corps), zusammengesetzt aus Arbeitern aus dem von den Briten gepachteten Gebiet Wei-hai-Wei. Auch verschiedene große Feldlazarette befanden sich hinter der Front. Häufig erinnern uns heute einige große Soldatenfriedhöfe daran. Auch zahlreiche Hauptquartiere befanden sich in diesem Gebiet.

    Hinter der Front arbeiteten viele Frauen, meistens junge belgische Flüchtlinge. Sie waren Krankenschwestern, wuschen und entlausten die Soldaten oder verdienten ihren Lebensunterhalt in Kneipen, Gasthäusern oder Bordellen. Viele Frauen arbeiteten auch indirekt für das Heer, beispielsweise in den Waffenfabriken. Überall nahmen Frauen den Platz der Männer ein, die an der Front kämpften.

    Eine gesonderte Gruppe hinter der Front waren die Kriegsgefangenen: Soldaten, die gefangen genommen waren oder sich dem Feind ergeben hatten. Eine derartige Kapitulation war sehr riskant, denn die geringste verdächtigte Bewegung brachte eine Kugel ein. Wer doch kapitulieren konnte, wurde meistens relativ gut behandelt. Kriegsgefangene wurden in Lager gebracht und hinter der Front für verschiedenste Arbeiten eingesetzt. Die Propaganda an beiden Seiten versuchte die feindlichen Soldaten dort übrigens ständig zur Kapitulation zu bewegen.

    Zensur und Propaganda

    Schlechte Nachrichten, so dachte der Staat, konnten nur zur Mutlosigkeit führen. Deshalb wurde die Presse streng zensiert. Die Bevölkerung wusste folglich kaum, was wirklich an der Front passierte. Nicht alle fanden sich damit ab. So wurde in Paris das satirische Wochenblatt Le Canard enchaîné gegründet. 'Jeder weiß', so spottete Gründer Maurice Maréchal, 'dass die französische Presse ihren Lesern ausnahmslos absolut wahre Nachrichten mitteilt. Nun, die Öffentlichkeit hat genug davon. Die Öffentlichkeit will zur Abwechslung falsche Nachrichten. Und die wird sie bekommen.

    An beiden Seiten machten die fantastischsten Geschichten über den Feind die Runde. Am Anfang des Krieges beschuldigte die alliierte Presse die Hunnen, wie sie die Deutschen nannte, belgischen Kindern die Hände abzuhacken. Ihrerseits glaubten die Deutschen, dass belgische Bürger von ihren Häusern aus deutsche Soldaten hinterrücks erschießen würden.

    Alle Briefe von der Front in die Heimat und umgekehrt wurden streng kontrolliert und zensiert. Vor allem Angaben von Orten an der Front waren strengstens verboten. Die Zensur ging manchmal brutal vor: Beanstandete Passagen wurden ohne Kommentierung aus dem Brief weggeschnitten oder verbrannt. Es wurden zahlreiche Tricks angewendet, um die Zensur zu umgehen: so konnten in einem Brief bestimmte Buchstaben unterstrichen werden. Gemeinsam bildeten sie den Namen des Ortes, an dem man sich befand.

    Poperinge und Roeselare

    Wenn die Soldaten Glück hatten, lag in der Nähe ihres Lagers oder Standquartiers eine Stadt. Dorthin gingen sie zum Essen, Trinken, Zigaretten und Souvenirs kaufen, aber auc der Frauen wegen. Von ihrem kargen Sold - ein britischer Infanterist erhielt einen Schilling pro Tag und auch ein belgischer Fußsoldat erhielt nur einen Bruchteil dessen, was ein Arbeiter verdiente - versuchten die Soldaten, so viel Spaß wie nur möglich zu haben.

    Für die Alliierten war vor allem Poperinge das nächstgelegene Entspannungszentrum. Die Deutschen gingen vor allem nach Roeselare, aber auch nach Oostende und Gent. In Orten wie Poperinge und Roeselare florierte die Prostitution. Die Bordelle waren meistens nicht sehr hygienisch, und folglich war das Risiko einer Geschlechtskrankheit sehr groß. Soldaten, die ihnen zum Opfer fielen, waren leicht einen Monat außer Gefecht gesetzt. Die Heeresleitung versuchte, das Problem mit schweren Strafen für die Kranken, Inspektionen der Geschlechtsteile und offiziellen Heeresbordelle unter Kontrolle zu bekommen.

    Auch an das geistige Wohl der Soldaten wurde gedacht. Die meisten Soldaten waren gläubig und jedes Heer hatte Militärgeistliche in Dienst. Darüber hinaus waren auch zahlreiche private Organisationen aktiv. An britischer Seite hat vor allem das Talbot House in Poperinge große Berühmtheit erlangt. Talbot House, oder kurz Toc H, war eine Art Club für Soldaten. Offiziere und gewöhnliche Soldaten wurden dort gleichwertig behandelt, was sehr außergewöhnlich war. In der Dachbodenkapelle wurden Messen gelesen, häufig für Soldaten, die am nächsten Tag auf das Schlachtfeld mussten.

    Die Heimatfront

    Im Ersten Weltkrieg standen einander nicht nur Heere, sondern ganze Nationen gegenüber. Der Krieg verschlang so viele Waffen und Menschen, dass auch die Heimatfront mitkämpfen musste, wenn auch mit ihren eigenen Mitteln. Um die enormen Mengen an Waffen und Munition zu produzieren, wurden alle verfügbaren Arbeitskräfte in der Waffenindustrie eingesetzt. Im Jahr 1914 arbeiteten in Frankreich 50.000 Menschen in Waffenfabriken, 1918 waren es schon 1,7 Millionen. Die gesamte Wirtschaft stand im Zeichen des Krieges.

    Die Abwesenheit von Hunderttausenden jungen Männern hatte auch sozial einschneidende Folgen. Ihr Platz auf dem Feld und in der Fabrik wurde häufig von Frauen eingenommen. Kein Wunder, dass sich die soziale Position der Frau während des Krieges auffallend veränderte. Bürgerfrauen machten sich mit Wohltätigkeit nützlich. Vor allem in den ersten Kriegstagen wimmelte es vor Flüchtlingen, Verletzten und Obdachlosen.

  • Die Zweite Ypernschlacht

    Am 22. April 1915, etwa um 5 Uhr nachmittags, stieg von den deutschen Linien bei Steenstraat aus langsam eine dicke, grüngelbe Wolke auf.

    Chlorgas, wie sich herausstellte. Französische und algerische Soldaten flüchteten massenhaft nach hinten. Viele von ihnen sollten es nicht lebend schaffen. In einigen Stunden rückten die Deutschen in Richtung Ypern auf. Es ging so schnell, dass die Deutschen selbst überrascht waren. Deshalb erteilte die Heeresleitung den Truppen den Befehl, sich einzugraben. Die Soldaten gehorchten, gegen ihren Willen.

    Nach dem Gasangriff begriffen die alliierten Befehlshaber, dass Ypern in Gefahr war. Der Platz der geflüchteten Franzosen wurde sofort von kanadischen Truppen eingenommen. Sie gingen bei Sint-Juliaan in den Gegenangriff. Später kamen auch Briten und Belgier zu Hilfe.

    Die Zweite Ypernschlacht hatte begonnen. Die Gefechte sollten fünf Wochen dauern.

    Im Norden von Ypern war die Bedrohung am größten. Dort hatten deutsche Einheiten an zwei Stellen den Ieperlee-Kanal überquert. Schritt für Schritt konnten französische und belgische Truppen sie zurückdrängen. Schwere deutsche Beschüsse und neue Gasangriffe forderten jedoch viele Opfer.
    Im Osten von Ypern standen die Deutschen britischen Truppen gegenüber. Im Bereich Hill 60, Sanctuary Wood und den Hoge wurde um jeden Meter gekämpft.

    Wer noch nicht aus Ypern geflüchtet war, tat es jetzt. Auch Camiel Delaere, der tatkräftige Pfarrer der Peterskirche, und Geoffrey Winthrop Young, Leiter der freiwilligen Friends' Ambulance Unit, mussten die Stadt verlassen. Nur Soldaten blieben zurück. Ypern war noch immer in britischen Händen, aber mehr als eine verlassene Ruine blieb nicht übrig.

    Die Zweite Ypernschlacht ging Ende Mai aus Mangel an Munition und Mannschaften zu Ende. Die Deutschen waren über einen großen Teil des Ypernbogens zwischen einigen hundert Metern bis ein paar Kilometern vorgerückt. So war die Stadt wieder ein Stück näher gekommen.

    Fünf Wochen schwere Kämpfe hatten einen hohen Zoll gefordert. Die Deutschen verzeichneten 35.000 Tote und Verwundete, die Briten 60.000.

  • Artois und Champagne

    Im Mai 1915 fielen französische und britische Truppen in der Landschaft um Artois ein. Die Gefechte dauerten einige Wochen und kosteten zehntausend Soldaten das Leben. Offensichtlich war es sehr mühsam, schwer verteidigte feindliche Stellungen zu überrumpeln. Eine harte Lektion, aber keine der beiden Parteien schien sie vorläufig ernst zu nehmen.

    Im Herbst 1915 versuchten die Alliierten es nochmals. Sie sollten auf zwei Fronten angreifen: die Franzosen in der Champagne, die Briten in der Artois.

    In der Champagne dauerten die anfänglichen Bombardierungen drei Tage lang. Die Deutschen waren also nicht überrascht, als die französische Infanterie aus den Schützengräben kam, und sie konnten den Angriff auffangen. Achtzehn Tage später musste sich das französische Heer zurückziehen. Es hatte beinahe 150.000 Mann verloren.

  • Verdun

    Anfang 1916 war die deutsche Heeresleitung der Meinung, dass die Zeit für einen Angriff an der Westfront reif war. Der Ort, den sie wählten, war Verdun.

    Genauso wie Ypern lag Verdun in einem Saillant. Die Verteidiger wurden also von drei Seiten bedrängt. Aber es ging den Deutschen nicht um die Eroberung der Stadt. Sie hofften, dass das französische Heer Verdun - das einen großen symbolischen Wert hatte - bis zum letzten Tropfen Blut verteidigen würde. Sie wollten den Franzosen so schwere Verluste zufügen, dass sie um Frieden betteln würden.

    Am 21. Februar 1916 begannen die Beschüsse. Verdun war schlecht geschützt und anfänglich wurden die Franzosen überrumpelt. Nach vier Tagen fiel die 'uneinnehmbare' Festung Douaumont nahezu ohne Widerstand. Der deutsche Kaiser, höchstpersönlich anwesend, war sehr begeistert.
    Am selben Tag noch wurde die Verteidigung der Stadt General Pétain anvertraut. Zwischen Verdun und Bar-le-Duc legte er die 'Voie sacrée' an. Jede Woche sollte dieser Weg 90.000 Mann und 50.000 Tonnen Material von und zur Front bringen.

    Nach einigen Wochen kam der deutsche Vormarsch bei Verdun zum Stillstand. Trotz des Einsatzes von Flammenwerfern und Phosgen, einem neuen und tödlichen Gas, konnten die Deutschen keinen Durchbruch mehr forcieren.
    Bei Verdun kämpften Hunderttausende Soldaten auf Leben und Tod um jeden Hügel, jeden Bunker, jeden Meter. Soldaten verloren jeden Kontakt zum Rest ihrer Truppen und kämpften sich buchstäblich tot. Diese blutige Pattstellung sollte neun Monate andauern.

    'On les aura' - wir haben sie, sagte Pétain über Verdun, und er behielt Recht. Im Herbst 1916 konnten die Franzosen die Deutschen endlich zurückdrängen. Aber der Preis war beispiellos. Die Franzosen verzeichneten 160.000 Tote und Vermisste und mehr als 200.000 Verwundete. Die deutschen Verluste waren ungefähr gleich groß.
    Nach Verdun mussten die beiden Oberbefehlshaber zurücktreten. Bei den Deutschen machte Falkenhayn im August Platz für das Duo Hindenburg-Ludendorff. Bei den Franzosen wurde Joffre im Dezember durch Nivelle ersetzt.

  • Die Somme

    Die andauernden Gefechte bei Verdun erschöpften das französische Heer jeden Tag mehr. Um die Aufmerksamkeit der Deutschen abzulenken, organisierten die Briten einen groß angelegten Angriff. So begann die Schlacht an der Somme.
    Das Vereinigte Königreich hatte Anfang 1916 die Wehrpflicht eingeführt, als letzte der großen kriegsführenden Nationen. Je mehr Opfer die Somme forderte, desto mehr nahmen Wehrpflichtige den Platz von Berufssoldaten und Freiwilligen ein.

    Der 01. Juli 1916, der erste Tag der Schlacht bei der Somme, war ein Fiasko. Eine Woche lang hatte die britische Artillerie 1,5 Millionen Projektile abgefeuert. Sie dachten, dass vom Feind nichts mehr übrigbleiben würde. Aber die Deutschen waren so tief unter dem Boden, dass die meisten das Bombardement überlebt hatten. Darüber hinaus waren die britischen Kanonenkugeln sehr unterschiedlicher Qualität und es fielen schlichtweg nicht genug pro Quadratmeter. Die Folge war ein Gemetzel. An einem Tag fielen 21.000 Briten und es gab 35.000 Verwundete.

    Am 15. September warteten die Briten bei Flers mit einer neuen Waffe auf: dem Panzer. Aber von den 49 Panzern fielen 31 wegen technischer Probleme aus. Der Rest kam nur im Schritttempo voran. Der erste Panzereinsatz war mislungen. Erst Mitte November beendete der einsetzende Winter die Schlacht bei der Somme. Die Briten hatten 400.000 Soldaten verloren (Tote, Vermisste, Verletzte oder Kriegsgefangene), die Deutschen ebenso viele, die Franzosen 200.000. Die großen Opferzahlen brachten den Alliierten kaum 12 km Bodengewinn ein.

    Was Verdun für die Franzosen war, war die Somme für die Briten. Vor allem die Verluste vom 01. Juli waren ein Schock. Die letzten Illusionen über das unverletzliche 'Empire' lagen ein für alle Mal in Scherben.
    Nach den Fiaskos von Verdun und der Somme wusste niemand mehr, wie es weitergehen sollte. 'Die Kampagne von 1916 endete für alle in einer bitteren Enttäuschung', schrieb der deutsche Prinz Max von Baden. 'Wir und unsere Feinde hatten unser bestes Blut in Strömen vergossen, und wir waren dem Sieg keinen Schritt näher.'

    Die Hindenburglinie

    Das Jahr 1917 begann mit einer großen Überraschung. Über ein großes Stück der nordfranzösischen Front zogen sich die Deutschen zurück, manchmal nicht weniger als 40 km tief. Die neue Frontlinie, die Siegfried- oder Hindenburglinie, was viel besser geschützt als die vorige. Monatelang hatten deutsche Soldaten daran gearbeitet.

    Der Rückzug verlief nicht unbemerkt. Die Deutschen zerstörten Dörfer, legten Minen, vergifteten Brunnen, blockierten Straßen. Sie wollten es den Alliierten schwer machen, ihnen zu folgen.

    Arras und der Chemin des Dames

    Der deutsche Rückzug war kein Zufall. Die Alliierten planten einen groß angelegten Angriff, und das hatten die Deutschen herausbekommen. Im April 1917 war es soweit. Die Briten und Kanadier griffen bei Arras an, die Franzosen beim Chemin des Dames.

    Der französische Angriff war ein Fiasko. Gegen die starke deutsche Verteidigung hatten die Angreifer wenig Chancen. Nach 5 Tagen verzeichneten die Franzosen 130.000 Verluste, davon 35.000 Tote.

    Der Chemin des Dames war für viele Soldaten ein Wendepunkt. Gegen den Krieg an sich hatten sie keine Einwände, wohl aber gegen die Art und Weise, in der er geführt wurde. In verschiedenen französischen Einheiten brachen Meuterei aus. Die Soldaten weigerten sich, weiter zu kämpfen.

    Mittlerweile war der neue französische Oberbefehlshaber, General Nivelle, wieder abgelöst worden. Sein Nachfolger, General Pétain, zeigte mehr Verständnis für die Forderungen des gewöhnlichen Soldaten und konnte so die Ordnung wiederherstellen.

    Mesen

    Im Juni 1917 beschlossen die Briten, noch einmal einen großen Angriff zu wagen. Das Ziel: den Ypernbogen zu durchbrechen und zu den Nordseehäfen Oostende und Zeebrugge vorstoßen. Dort befand sich die Basis der gefürchteten deutschen U-Boote.

    Am 7. Juni holten die Briten zum ersten Schlag aus. Bei Mesen explodierten 19 unterirdische Minen, die in den Wochen davor unter die deutschen Linien gelegt wurden. Ganze Regimenter wurden lebendig begraben, und die Explosion war bis in London und Paris spürbar.

    Aber die Alliierten nutzten die Bresche, die sie geschlagen hatten, nicht. Statt rasch vorzustoßen, hielten sie sich an den Plan, erst im Juli anzugreifen. So verloren sie kostbare Zeit.

    Die Schlacht bei Passendale

    Ab dem 16. Juli begann die britische Artillerie, die deutschen Stellungen rund um Ypern zu bombardieren. Aber wie so oft war die deutsche Verteidigung selbst nach 2 Wochen keineswegs erschöpft.
    Auch mit dem Gelände hatten die Briten kein Glück. Die Deutschen besetzten die höher gelegenen Gebiete des Salient, von wo aus die sie weite Umgebung überblicken konnten.
    Am 31. Juli kam die Infanterie aus den Schützengräben. Die Dritte Ypernschlacht hatte begonnen. Sie sollte als Schlacht bei Passendale in die Geschichte eingehen.

    In dreieinhalb Monaten versuchten die Briten rund um Passendale, mindestens 10 Mal vorzustoßen. Manchmal brachte dies ein paar hundert Meter Bodengewinn, manchmal verlief die Offensive buchstäblich im Schlamm. Dieser Sommer war der regenreichste seit Menschengedenken: das Schlachtfeld war selbst für Menschen nahezu unbegehbar, geschweige denn für die schwere Artillerie. Doch hielt der britische Oberbefehlshaber Sir Douglas Haig störrisch an seinem Plan fest. Die Politiker, Premier Lloyd George an erster Stelle, griffen nicht ein.

    Am 10. November beendete die Kälte den sinnlosen Kampf. Einige Tage zuvor hatten kanadische Truppen das zerstörte Passendale eingenommen. Das Endziel ¬- die Nordseehäfen ¬- war kaum 10 km näher gekommen. Im Frühling des Jahres 1918 sollten die Briten ihren gesamten Bodengewinn in nur drei Tagen wieder verlieren.
    Die Briten hatten in 14 Wochen eine Viertelmillion Mann verloren (Tote, Verwundete, Vermisste). Am Tyne Cot Cemetery in Passendale wurden die Toten beigesetzt und wird den Vermissten gedacht.

  • Deutsche Angriffe zu Beginn des Jahres 1918

    Für die Deutschen war es ein jetzt oder nie. Nun, da der russische Zar abgesetzt war und sich Russland aus dem Krieg zurückgezogen hatte, mussten sie nur mehr im Westen kämpfen. Darüber hinaus wussten alle, dass die Amerikaner in Kürze Hunderttausende Soldaten an die Front entsenden würden. Die Deutschen hatten es also eilig. Deshalb lancierten sie im März 1918 einen groß angelegten Angriff in Richtung Paris.

    Am 21. März begann der deutsche Angriff. Anfänglich hatte es den Anschein, dass die Deutschen definitiv durchbrechen konnten. Sie rückten bis 60 km vor und verzeichneten 80.000 Kriegsgefangene. Zum ersten Mal seit 1914 wurde auf Feldern, in Wäldern und Dörfern gekämpft, die noch unversehrt von der Kriegsgewalt waren.
    Die Deutschen kamen jeden Tag näher. In einer Entfernung von 120 km konnte sie mit dem Langen Max, einer enormen Haubitze, Paris unter Beschuss nehmen. Die Stadt sollte sechs Monate lang regelmäßig unter Beschuss stehen.

    Um die deutsche Offensive aufzuhalten, mussten die Alliierten noch enger zusammenarbeiten. Deshalb ernannten sie zum ersten Mal einen Mann zum Oberbefehlshaber über sämtliche Streitkräfte. Es war der französische General Foch, der sogleich zum Marschall befördert wurde.
    Nach ein paar Tagen hatten sich die Alliierten vom ersten Schrecken erholt. Sie organisierten die Verteidigung und am 4. April kam der deutsche Vormarsch zum Stehen. Aber mittlerweile hatten die Deutschen wohl den größten Bodengewinn seit 1914 verbucht.

    Im Mai 1918 griffen die Deutschen an der Aisne an. Sie nahmen den Chemin des Dames ein, überquerten den Fluss und besetzten die Stadt Soissons. Paris war nur noch 50 km entfernt.
    Eigentlich wollte Ludendorff gleichzeitig in Flandern angreifen, aber er hatte nicht mehr genug frische Truppen, um seinen raschen Vormarsch durchzuhalten. Krankheit, Hunger und Fahnenflucht suchten das erschöpfte und erheblich ausgedünnte deutsche Heer heim. Langsam wurde deutlich, dass die Deutschen am Ende ihrer Kräfte angelangt waren.

  • Die Amerikaner

    Nun kamen die Amerikaner. Ab Anfang 1918 entsendeten die USA eine eindrucksvolle Truppenmacht nach Europa. Im Juli, August und September schifften täglich 10.000 amerikanische Soldaten in die französischen Häfen aus. So gerieten die Deutschen an jedem Tag stärker in die Minderheit.

    Die frischen Truppen aus Amerika gaben den ermüdeten Franzosen und Briten neuen Mut. Gleichzeitig sorgte die Konfrontation mit den 'Sammies' für einen leichten Kulturschock. 'Die Amerikaner haben nichts lieber als Sardinen, Marmelade und Kekse', bemerkte ein französischer Soldat kopfschüttelnd. 'Das mengen sie dann zu einem ekelhaften Brei, den sie mit Unmengen Tafelwein durchspülen'.

  • Das Glück wendet sich ...

    Am 8. August 1918 wendete sich das Glück. An diesem Tag griffen britische, kanadische, australische und französische Truppen gemeinsam in der Nähe von Amiens an. An einem Tag kapitulierten 15.000 Deutsche.

    Jetzt gab es kein Halten mehr. Zwischen dem 08. August und dem 25. September griffen die Alliierten gehäuft mit Panzern und Flugzeugen an. 140.000 Deutsche wurden gefangen genommen, eine halbe Million beging Fahnenflucht. Die deutsche Niederlage war nur noch eine Frage der Zeit.

    Die Alliierten hatten mehr Mannschaften, mehr Kanonen, mehr Panzer, mehr Flugzeuge. Im Gegensatz zu den Deutschen im Vorjahr kamen sie Schritt für Schritt voran, sodass die Infanterie der Artillerie folgen konnte. So drängten sie den Feind langsam zurück.

    Im September eroberten die Alliierten endlich die 'uneinnehmbare' Hindenburg-Linie. An einigen Stellen boten die Deutschen hartnäckig Widerstand, andernorts ergaben sie sich in Scharen.

    Die Ostfront

    Nicht nur im Westen, auch an der Ostfront wurde der Zustand für die Deutschen und ihre Bündnispartner unhaltbar. Die Türken und die Bulgaren wurden überall in die Verteidigung gedrückt. Ende September kapitulierte Bulgarien. Einen Monat später folgte die Türkei.

    Der junge Kaiser Karl versuchte, die österreichisch-ungarische Monarchie und seinen eigenen Thron noch zu retten. Er versprach den Völkern in seinem Reich weitgehende Selbständigkeit. Aber es war bereits zu spät. In Budapest brach ein Aufstand aus, die Tschechoslowakei und Jugoslawien riefen ihre Unabhängigkeit aus, selbst in Wien gab es Tumulte. Ende Oktober wurde das österreichische Heer von den Italienern überrannt. Am 3. November kapitulierte das Land.

  • November 1918

    Am 9. November wurde in Berlin die Republik Deutschland ausgerufen. Wilhelm II bekam zu hören, dass er kein Kaiser mehr war. Von seinem Hauptquartier in Spa aus flüchtete er in die neutralen Niederlande.

    Am 11. November 1918 war es dann endlich so weit. In Rethondes, bei Compiègne, wurde in einem Eisenbahnwaggon die deutsche Kapitulation unterzeichnet. Am elften Tag des elften Monats, um elf Uhr vormittags schwiegen die Waffen für immer. Der Krieg war vorbei. 

  • Die Bilanz

    In den alliierten Ländern war die Freude groß. In Brüssel zog die gesamte Stadt aus, um König Albert bei seiner feierlichen Rückkehr zuzujubeln. In London und Paris erklangen Salutschüsse und Hunderttausende Menschen kamen auf die Straße. Aber der Festtrubel hatte einen bitteren Unterton: das Vaterland war zwar befreit, aber vier Jahre Krieg hatten einen hohen Zoll gefordert.

    Im gesamten Ersten Weltkrieg wurden 68 Millionen Männer mobilisiert. Davon fielen rund 9 Millionen, ¬beinahe ebenso viele wie die gesamte Bevölkerung des heutigen Belgiens.
    Russland verzeichnete 2 Millionen Tote, Deutschland 1,8 Millionen, Frankreich 1,3 Millionen, das Vereinigte Königreich 1,1 Millionen und Österreich-Ungarn 1 Million.
    Das belgische Heer hatte ungefähr 40.000 Tote zu beklagen. Darüber hinaus kostete der Krieg noch rund 5.000 belgischen Zivilisten das Leben.

    Überall wurde den Toten gedacht. Auf der gesamten früheren Front wurden Militärfriedhöfe angelegt. Jede Hauptstadt bekam ihren Unbekannten Soldaten: einen namenlosen Gefallenen, gekennzeichnet durch eine Kriegsblende. Das kleinste Dorf errichtete ein Kriegsdenkmal.

    Der wirtschaftliche Zoll

    Vier Jahre Krieg hatte auch wirtschaftlich einen schweren Zoll gefordert. In der Frontregion mussten Dörfer, Straßen, Brücken und Fabriken wieder aufgebaut werden. ¬In Belgien war ein Fünftel der Infrastruktur aus der Vorkriegszeit zerstört. Hundertausende Hektar Ackerland waren voll mit nicht explodiertem Sprengstoff. Heute noch, Dutzende Jahre später, tauchen in der früheren Frontregion regelmäßig 'Blindgänger' auf.

    Die kriegsführenden Länder waren finanziell ausgeblutet. Das Vereinigte Königreich und Frankreich hatten zwar den Krieg gewonnen, standen aber schwer bei den Vereinigten Staaten - der neuen Supermacht - in der Schuld. Niemals würden sie noch so mächtig werden, wie sie es vor dem Krieg gewesen waren.

    Deutschland war wirtschaftlich am Boden, unter anderen durch die haushohen Reparationszahlungen, die es aufbringen musste. Es brach folglich eine spektakuläre Inflation aus. Wer Geld hatte, gab es sofort aus, denn ein paar Stunden später war es nicht mehr wert als das Papier, auf dem es gedruckt war. Banknoten bekamen immer schneller einen neuen Aufdruck: ein Schein von zehn Mark wurde hundert Mark, tausend Mark, eine Million Mark, zehn Millionen Mark.

  • Der Vertrag von Versailles

    Der Vertrag von Versailles wurde am 28. Juni 1919 unterzeichnet, genau fünf Jahre nach dem Attentat von Sarajevo.

    Deutschland

    Der Vertrag von Versailles war sehr hart für Deutschland. Es musste ein Siebtel seines Hoheitsgebietes abtreten. Elsass-Lothringen fiel an Frankreich zurück. Im Osten verlor Deutschland ein großes Gebiet an das wiedergeborene Polen. Kleinere Gebiete gingen an Dänemark und später Litauen. Danzig wurde zur Freistadt. Belgien erhielt die Ostkantones.
    Deutschland musste auch seine Kolonien abgeben. Sie wurden als Mandatsgebiete unter den Siegern aufgeteilt. So sollte Belgien Ruanda-Urundi verwalten.

    Militärisch und wirtschaftlich wurden Deutschland die Flügel gestutzt. Das deutsche Heer durfte nur noch 100.000 Mann zählen. Auch die Flotte wurde minimiert. Das Saarland mit seiner Schwerindustrie kam unter französische Vormundschaft, das Rheinland wurde besetzt.

    Um Kriegsschulden zu begleichen, musste Deutschland gigantische Reparationszahlungen leisten. Allein schon in den ersten zwei Jahren musste es 20 Millionen Goldmark bezahlen.

    Ein neues Europa

    Der amerikanische Präsident Wilson war der Meinung, dass jedes Volk ein Recht auf seinen eigenen Staat hatte. Deshalb wurde Österreich-Ungarn aufgelöst.

    Für Österreich selbst blieb nur noch ein kleines Land übrig, genauso wie für Ungarn. Der Rest des Hoheitsgebietes wurde zwischen Polen, Italien, Rumänien und zwei neuen Staaten verteilt: der Tschechoslowakei und dem Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen, dem späteren Jugoslawien.

    Vom Ottomanischen Reich blieb nur die Türkei übrig. Der Mittlere Osten kam unter französische oder britische Führung.

    Von den Siegern durften sich vier neue Staaten von der Sowjetunion abspalten: Finnland, Estland, Lettland und Litauen. Auch Polen und Rumänien erhielten russisches Hoheitsgebiet.

    Der Völkerbund

    Durch den Vertrag von Versailles entstand auch ein Völkerbund. Darin sollten Staaten gemeinsam über Streitigkeiten beraten. Aber die Verlierer der Jahre 1914 bis 1918 durften sich nicht beteiligen, genauso wenig die Sowjetunion. Zudem weigerte sich der amerikanische Senat, den Vertrag zu ratifizieren, trotz des Widerstandes von Präsident Wilson. So wurde auch die USA kein Mitglied. Der Völkerbund, der nach dem Zweiten Weltkrieg von den Vereinigten Nationen abgelöst wurde, blieb ein Koloss auf tönernen Füßen.

    Neue Machtverhältnisse

    Nach Versailles sah die Landkarte von Europa völlig anders aus. Polen, die Tschechoslowakei, Jugoslawien, Estland, Lettland, Litauen und Finnland waren Neulinge. Rumänien war doppelt so groß geworden. Deutschland, Russland, die Türkei und vor allem Österreich und Ungarn hatten große Teile ihrer Gebiete verloren. Überall in Europa dankten jahrhundertealte Dynastien ab. Die Hohenzollern in Deutschland, die Habsburger in Österreich, die Romanows in Russland und die ottomanischen Sultans verschwanden von der Bühne.

    Die Machtverhältnisse auf der Welt würden niemals mehr dieselben sein. Frankreich und das Vereinigte Königreich waren auf dem absteigenden Ast. Langsam wurde deutlich, dass die Vereinigten Staaten die neue Supermacht waren. Auch die Sowjetunion sollte sich zu einem mächtigen Block formieren.

    In Deutschland sollte Adolf Hitler die verhassten Bestimmungen von Versailles Stück für Stück rückgängig machen. Zwanzig Jahre später war das Land bereit, einen neuen Weltkrieg zu beginnen.

  • 1919 - Soziale Veränderungen

    Veränderungen

    Das Ende des Krieges war für viele der Beginn einer neuen Zeit. Überall hatten Menschen den Eindruck, dass die Welt reif für große Veränderungen war. Viele sahen voll Hoffnung nach Russland, wo die Revolution den tyrannischen Zaren vertrieben hatte und wo eine neue Gesellschaft Form zu bekommen schien, auch wenn das Land vorläufig noch durch einen blutigen Bürgerkrieg zerrissen war.

    Überall hing Veränderung in der Luft. Der achtstündige Arbeitstag war plötzlich kein Problem mehr, die Löhne stiegen und verschiedene Länder bekamen erstmals sozialistische Minister. Allesamt Maßnahmen, die vier Jahre zuvor noch undenkbar waren, nun jedoch kaum Widerstand hervorriefen. Ohne diese Zugeständnisse - so verstand es das Bürgertum - könnten die Arbeiter revolutionäre Gedanken bekommen.

    Frauen

    Vier Jahre lang hatten gewöhnliche Arbeiter und Bauern das Vaterland verteidigt. Nach dem Krieg wurden sie dafür mit dem allgemeinen einfachen Stimmrecht belohnt: jeder bekam eine Stimme. Doch nicht wirklich jeder hatte diesen Vorteil, denn in Frankreich und Belgien sollte es noch bis nach dem Zweiten Weltkrieg dauern, bevor auch Frauen wählen durften.

    Während des Krieges hatten Frauen in Industrie und Landwirtschaft den Platz der Männer eingenommen. Aber nach dem Krieg wurde die Uhr wieder zurückgestellt. Die Frau gehört zuhause an den Herd, so dachten die meisten Männer darüber. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg sollte darin langsam Veränderung kommen.